09:54 19 November 2018
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    Das russische Schiffsabwehrsystem „Bastion“ (Archiv)

    Drei, zwo, eins, Schockstarre: Briten sind platt wegen Raketentest in Russland

    © Sputnik / Igor Sarembo
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    Ein Startbehälter wird aufgereckt, wenige Sekunden vergehen – es knallt, es raucht und einer nach dem anderen schießen Flugkörper hinter den Horizont. Bei solchen Bildern kann einem wirklich mal Bange werden. Genau darauf hat es wohl eine britische Zeitung abgesehen, als sie ein Video von einem Raketentest in der russischen Arktis kommentiert hat.

    „Russland droht mit drittem Weltkrieg“, titelt die britische Zeitung „The Daily Express“ einen Artikel über den Start von Raketen auf einer russischen Insel im Arktischen Ozean. Diesen panikmachenden Bericht schmückt das Blatt mit dem passenden Video: Das russische Schiffsabwehrsystem „Bastion“ verschießt mehrere „Onyx“-Raketen.

    Dass es sich dabei nur um einen Test – und nicht etwa um einen Kampfeinsatz – handelt, darüber schreibt die Zeitung nicht. Sie verschweigt auch, dass das russische Verteidigungsministerium die Schießübung auf einer der Neusibirischen Inseln in der Laptewsee vor wenigen Wochen angekündigt hatte.

    Vielleicht haben die Briten die Ankündigung aber überhört und schreiben deshalb, dass Russland der Welt mit einer Apokalypse drohe. Vielleicht aber sind sie aus einem anderen Grund in Panik geraten.

    Der britische Verteidigungsminister Gavin Williamson hat neulich angekündigt, das Vereinigte Königreich werde in Norwegen 800 Marineinfanteristen und Elitesoldaten stationieren. Das berichtet die Zeitung „The Telegraph“ mit Verweis auf das Verteidigungsministerium.

    In die arktische Eiseskälte wird die Sondereinsatztruppe nicht zum Üben entsandt, sondern um die zunehmende Aktivität russischer U-Boote zu überwachen. Das ist zumindest Londons offizielle Version.

    >>Andere Sputnik-Artikel: VIDEO Russland setzt seine Bastions erstmals in der Arktis ein

    Aber wer weiß schon, ob die britischen Elitekämpfer nicht auch gegen die Infrastruktur auf dem russischen Festlandsockel gerichtet werden. Die „Bastion“-Systeme mit den „Onyx“-Raketen stünden diesem Plan jedenfalls im Wege, da kann man auch in der Berichterstattung schon mal rasend werden…

    Die Stationierung des „Bastion“-Systems auf der Insel in der Laptewsee sei Teil der Absicht von Wladimir Putin, die russische Wehrfähigkeit in der Arktis zu verbessern. „Moskau stellt neue Ansprüche bezüglich der Rohstoffe unter dem arktischen Eis“, schreibt „The Daily Express“.

    Welch ein Geheimnis die Zeitung doch aufgedeckt hat! Außer den reinen Verteidigungsaufgaben, die Russland in der Arktis erfüllen muss, hat das Land auch Wirtschaftsinteressen in der Region: Die Erschließung und die Förderung von Rohstoffen innerhalb der russischen Gewässer sowie die Weiterentwicklung der Nordostpassage.

    Ist es denn überraschend, dass Russland seine Wirtschaftsinteressen auch durch die Verstärkung des Militärs in der arktischen Region verteidigen will? Schließlich ist es auch kein Geheimnis, dass die zahlreichen Flugzeugträger der Vereinigten Staaten nicht allein der Friedenssicherung wegen auf den Weltmeeren unterwegs sind.

    Da passt es nur zu gut, dass die Schiffsabwehrsysteme „Bastion“ falls nötig auch den Flugzeugträgern der US Navy den Weg in die russischen Territorialgewässer versperren können. 2010 hat die russische Armee die Systeme mit den „Onyx“-Raketen in Dienst gestellt.

    Die hochpräzisen Mittelstreckenraketen (Nato-Code: SS-N-26 „Strobile“) können gegen See- und Bodenziele eingesetzt werden – auch im starken Störumfeld, das durch die Anlagen der elektronischen Kampfführung erzeugt wird.

    Mit bis zu 2,6-fachen Schallgeschwindigkeit fliegen die Raketen ins Ziel. Die kurze Anflugzeit lässt dem Gegner praktisch keine Möglichkeit zu Gegenmaßnahmen, zumal der Flugkörper auch noch permanent die Flugbahn ändert.

    Der Einsatzradius einer „Onyx“ liegt bei 500 Kilometern. Wird das Ziel als leicht eingestuft, fliegt die Rakete in großer Höhe darauf zu. Ist das Ziel ein schweres – das heißt, es wird durch die Flugabwehr geschützt – muss die Rakete auf einer flexiblen Flugbahn das Zielobjekt ansteuern. Dazu gehört auch permanentes Manövrieren auf einem 40-km-langen Abschnitt. Dabei verringert sich die Reichweite allerdings auf 300 Kilometer.

    Ist der Startcontainer einer „Bastion“-Anlage aufgerichtet, vergehen keine zwei Minuten bis zum Start der Rakete. Die Flugkörper sind übrigens nach Stealth-Kriterien entwickelt worden, können von diversen Startplattformen verschossen werden und funktionieren nach „Fire-and-Forget“-Prinzip.

    Das heißt: Nach dem Start erledigt eine „Onyx“ alles selbst. Ihr Bordcomputer enthält eine große Datenbank mit Schiffsmerkmalen und —silhouetten, sodass sie die Ziele bereits im Flug selbstständig priorisieren kann. Alle zweieinhalb Sekunden kann eine Startplattform „Onyx“-Raketen abfeuern.

    Gerade im Verband wirken die Flugkörper sehr effektiv: Sie tauschen Daten untereinander aus, analysieren die Zielmerkmale, setzen Prioritäten je nach Bedeutung und Schwierigkeitsgrad der Zielobjekte.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Britischer Baron fürchtet eine „Russifizierung Europas“

    Mittels dieser Schwarmintelligenz erarbeiten die Raketen einen Missionsplan: Einige Raketen schlagen prompt auf den Gegner ein, andere greifen rückseitig an, wiederrum andere erledigen das gegnerische Schiff, indem sie auf dessen Schwachstellen einwirken. Ein derart massiver Angriff kann nicht ohne Erfolg bleiben.

    Vielleicht ist auch das ein Grund, warum die britische Zeitung bei der Reaktion auf die russische Schießübung so übertreibt. Aber die Nato kann Übungseinsätze der „Bastion“-Systeme und „Onyx“-Raketen jetzt öfter beobachten – nicht nur an der arktischen Küste Russlands.

    Die Systeme sind heute auch an der russischen Schwarzmeerküste, auf der Krim, auf den Kurilen, auf der Halbinsel Kamtschatka und im Gebiet Kaliningrad stationiert. Bis 2020 soll auf der Krim die silogestützte Variante des Schiffsabwehrsystems positioniert werden, bezeichnet als „Bastion-S“. Das sind weitere 36 „Onyx“-Raketen, zusätzlich zu den bereits vorhandenen.

    Auch andere Länder zeigen Interesse am „Bastion“-System. Vietnam und Syrien haben sie bereits beschafft. 2012 setzten die syrischen Truppen ihre Schiffsabwehrsysteme bei einer Übung erstmals ein. Seitdem ziehen es westliche Kampfschiffe vor, Abstand zur syrischen Küste zu halten.

    Und im November 2016 setzte die syrische Armee das „Bastion“-System gegen Terroristenstellungen ein. Es war der erste Kampfeinsatz des Systems überhaupt – und der erste Einsatz gegen Bodenziele.

    Gegenwärtig interessieren sich einige Länder aus Südostasien für das russischen Schiffsabwehrsystem. Auch Venezuela verhandelt über den Kauf des „Bastion“.

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    Tags:
    Apokalypse, Aktivität, Bedrohung, Onyx-Raketen, Bastion-System, Dritter Weltkrieg, NATO, Großbritannien, Russland