08:37 18 November 2018
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    Blick auf Mururoa-Atoll (Archiv)

    Strahlenkatastrophe im Pazifik: Frankreich wird zur Rechenschaft gezogen

    © AFP 2018 / GREGORY BOISSY
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    Vor unseren Augen zerfällt ein weiterer Mythos vom „unschuldigen Westen“ und der angeblich „schrecklichen Sowjetunion“. Der Westen wirft gewöhnlich Moskau vor, für die schrecklichen Folgen der Atomwaffentests, den Schaden für die Menschheit und die Natur, verantwortlich zu sein.

    Doch jetzt tauchen immer mehr Fakten auf, wie die westlichen Länder mit radioaktiven Strahlen ihre entlegenen Kolonien verseuchten und den Tod für Tausende Menschen näher brachten.

    In der westlichen Propaganda gelten als „schmutzigste“ üblicherweise die Atomtests, die in der Sowjetunion und in China durchgeführt wurden. Dahinter stecken keine wissenschaftlichen Fakten, sondern einfach ein populäres propagandistisches Meme. In der Tat kontrollierten die sowjetische und die chinesische Führung sehr aufmerksam die Folgen der Atomtests allein aus dem Grund, dass sie auf ihrem Territorium durchgeführt wurden.

    Selbst die Tests der riesigen sowjetischen „Zaren-Bombe“ mit einer Kapazität von 58,6 Megatonnen auf Nowaja Semlja führten zu einem minimalen Anstieg des Strahlungsniveaus. Es gab auch keine bedeutenden gesundheitlichen Folgen bei den Atomtests, die China auf dem Gelände Lop Nor durchführte.

    Die westlichen Länder hielten ihre Atomtests auf dem Territorium der eigenen Kolonien ab – also weit entfernt von der eigenen Bevölkerung und den Medien – sie kümmerten sich weder um die Umwelt noch um die Gesundheit der Einheimischen.

    Die Tests erfolgten unter strenger Geheimhaltung. Die weiße Bevölkerung wurde vorab in Sicherheit gebracht. Die Eingeborenen galten als Versuchskaninchen. Es gab noch keine Informationen über die Auswirkungen der radioaktiven Strahlung auf den menschlichen Körper. Die schrecklichen Ergebnisse der Atomtests in Australien, Polynesien und Afrika zogen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erst viele Jahrzehnte später auf sich.

    Krebs, Leukämie, Herzkrankheiten, Mutationen bei Neugeborenen – das war das Erbe, das Frankreich, die USA und Großbritannien auf ihren Atomtestgeländen in den Kolonien hinterließen. Heute versuchen Hunderttausende Menschen weltweit die Verbindung ihrer Krankheiten mit den Atomtests nachzuweisen, um eine Entschädigung von den Atommächten zu bekommen. Seit mehr als einem halben Jahrhundert kämpfen die Eingeborenen Australiens aus der Gegend des britischen Nuklear-Testgeländes Maralinga um Gerechtigkeit. Als britische Militärs 1956 dort mit den Atomtests begannen, evakuierten sie die Einheimischen und kümmerten sich darum, dass das Zentrum der Explosionen mindestens 300 km von den Ortschaften entfernt ist.

    Ein Teil der australischen Eingeborenen, die in den Naturreservaten lebten, wo das Gelände eingerichtet wurde, wurden mit Lastwagen weggebracht. Doch mehr als 1000 Eingeborene blieben in den Wäldern und waren einer gefährlichen Strahlendosis ausgesetzt. Das britische Militär scherte sich nicht um ihre Sicherheit  und versuchte nicht einmal, sie von dem Gelände zu vertreiben. Nach Angaben einer königlichen Kommission, die die britischen Atomtests in Australien 1985 untersuchte, meinte das Militär, dass die „aussterbende Rasse (Eingeborenen) nicht die Verteidigungsfähigkeit der westlichen Zivilisation“ bedrohen solle.

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    Nach 60 Jahren ist Ceduna, wo die Nachkommen der Eingeborenen aus Maralinga leben, die Stadt in Australien mit der höchsten Krebsrate. Die Einheimischen sterben an Krebs und Lungenkrankheiten und versuchen vergeblich eine Entschädigung von Großbritannien zu bekommen.

    Bereits in den 1940er-Jahren warnten Wissenschaftler aus der ganzen Welt das Militär vor den Strahlengefahren. Doch sie wurden nicht gehört. Vor den neuen Tests im Bikini-Atoll gab es unter Militärs und Politiker der USA den Konsens, dass die Explosionen von Atombomben in der Atmosphäre nicht gefährlich seien, weil es in der Atmosphäre nach der Explosion zur „Selbstreinigung“ komme. So lautete das offizielle Konzept der Tests, obwohl die einzigartige ökologische Nische des Atolls während dieser Übungen nahezu völlig zerstört wurde und 840 Einwohner des Bikini-Atolls und der nahegelegenen Inseln an Krebserkrankungen starben. Weitere 7000 forderten von der US-Regierung, anzuerkennen, dass die Erkrankungen durch radioaktive Niederschläge verursacht wurden. Doch nur 1865 Menschen erhielten eine Entschädigung. Die Hälfte von ihnen war zum Zeitpunkt der Entschädigungszahlungen  bereits tot.

    Ebenso zynisch testete auch Frankreich seine Atombomben. Von 1960 bis 1962 wurden in Algerien Kernwaffenversuche durchgeführt. Das Gelände Reggane wurde mitten in der Sahara eingerichtet. Hier wurden auf dem Boden vier Atombomben gezündet. Die erste gezündete 70-kT-Atombombe erhielt den Namen Gerboise bleue, die restlichen – Gerboise Blanche, Gerboise Rouge, und Gerboise Verte.

    Die meisten Dokumente zu diesem Projekt werden bis heute geheim gehalten.

    Die offizielle Position der französischen Regierung bestand darin, dass die radioaktive Strahlung irgendwie „erfolgreich“ in der Sahara niederging. Doch einige offengelegte Dokumente zeigen, dass der Wind den radioaktiven Staub Tausende Kilometer weit in ganz Nord- und Zentralafrika verbreitete. Erhöhte Strahlenwerte wurden nach den Tests selbst auf Sizilien und in Spanien festgestellt.

    In Algerien geht man davon aus, dass etwa 100.000 Betroffene aufgrund der Tests ums Leben kamen. Frankreich zufolge gab es nicht mehr als 500 Betroffene. 2010 wurde in Frankreich das Gesetz über Entschädigungen für die betroffenen Algerier verabschiedet. Doch nur 20 Algerier wurden tatsächlich entschädigt.

    Als Algerien 1962 unabhängig wurde, setzten die Franzosen ihre Atomtests in einer anderen Kolonie fort – in Französisch-Polynesien. 1962 unterzeichneten alle Atommächte einen Vertrag über das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosphäre. Doch Frankreich verweigerte seine Unterschrift. 1966 bis 1974 wurden auf den Inseln Französisch-Polynesiens rund 40 Kernwaffenversuche durchgeführt.

    Einige Abgeordnete von Französisch-Polynesien versuchten, die Tests zu verhindern. Doch den Parlamentariern wurde gedroht, die Inseln unter direkte militärische Leitung zu stellen. Auch die Gefahren der radioaktiven Verseuchungen wurden damals nicht ganz begriffen. „Viele Polynesier und Tahitier kämpften für Frankreich im Zweiten Weltkrieg“, erzählte Winiki Sage, der Chef des Wirtschaftlichen, Sozialen und Kulturellen Ausschusses Französisch-Polynesiens. „Als also Herr De Gaulle zu uns kam und sagte – wir werden da ein paar Tests durchführen, konnte sich niemand vorstellen, wie schlimm das alles für uns sein wird. Im Haus meiner Oma hing an der Wand ein Foto von der Atomexplosion“.

    Am 2. Juli 1966 ereignete sich die erste Explosion auf dem berüchtigten Mururoa-Atoll. „Das ist schön“, sagte Charles de Gaulle damals. Seit der Zeit nahmen an den Tests rund 127.000 Militärs und Zivilisten teil.

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    Die Strahlen verbreiteten sich in der Atmosphäre und im Ozean. Zigtausend Menschen waren davon betroffen. Ein bedeutender Anstieg der Strahlenwerte wurde auf den Inseln Polynesiens fixiert. Die 2013 offengelegten Dokumente, die in der Zeitung „Le Parisien“ veröffentlicht wurden, zeigten, dass der Anteil von Plutonium auf Tahiti, das Tausend Kilometer von Mururoa entfernt ist, kurz nach den Tests um das 500-fache höher als die als sicher geltenden Kennzahlen war.

    Die Schutzmaßnahmen waren rein symbolisch. Französische Veteranen erzählten später  Journalisten, dass sie während der Tests, 15 Kilometer vom Zentrum der Explosion entfernt, nur Shorts und T-Shirts getragen hätten, sie hätten nicht einmal eine Sonnenbrille bekommen.

    Noch schlimmer war das Verhalten gegenüber den Einheimischen. Laut Dokumenten aus französischen Militärarchiven wurde 1966 vorgeschlagen, als die radioaktive Wolke in Richtung Insel Mangarewa ging, die Insel zu evakuieren. Doch Paris weigerte sich. „Eine Evakuierung wird aus politischen und psychologischen Gründen nicht stattfinden“, hieß es.

    Umweltschützer protestieren erfolglos gegen die Strahlenkatastrophe, die von den Franzosen im Pazifischen Ozean verursacht worden war. Die Militärs nahmen die Protestierenden fest. Ein Greenpeace-Schiff wurde von französischen Sicherheitsdiensten im Hafen von Oakland in die Luft gejagt.

    Die Atomtests liefen in Französisch-Polynesien bis 1996. Ihre Auswirkungen wurden nicht sofort gespürt. Heute wird die hohe Zahl der onkologischen Erkrankungen mit der Strahlung erklärt. 2006 wurde diese Verbindung auch von französischen Ärzten bestätigt.

    Allerdings schwieg Paris weiter. 2010 wurde in Frankreich ein Gesetz über Entschädigungen für die von den Atomtests betroffenen Personen verabschiedet. Doch selbst für Berufsmilitärs, die auf den Testgeländen tätig waren, ist es schwierig, die Verbindung ihrer Krankheiten mit den  Atomtests nachzuweisen. Einfache Polynesier haben nicht einmal Dokumente, um eine Entschädigungsklage einzureichen. Von den 127.000 Menschen, die von den Tests betroffen waren, konnten nur 800 Polynesier richtig ausgefüllte Anträge einreichen. Nur elf wurden tatsächlich  entschädigt.

    Die Versammlung Französisch-Polynesiens kämpft seit langem um die Anerkennung der Polynesier als Betroffene der Atomtests. Abgeordnete wandten sich an die UNO, organisierten Protestaktionen in der Hauptstadt Tahitis, Papeete, und Medienkampagnen. Am 10. Oktober reichte Französisch-Polynesien eine Klage gegen Frankreich beim Internationalen Strafgerichtshof ein. Der französischen Regierung werden Verbrechen gegen die Menschheit vorgeworfen. Ein erfolgreicher Ausgang dieses Prozesses könnte vielen anderen Menschen Hoffnung geben, die von den Kernwaffentests der Atommächte betroffen sind.

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    Tags:
    Verbrechen, Menschheit, Entschädigung, Katastrophe, Explosion, Atommacht, Strahlung, Atomtests, Uno, Algerien, Australien, Frankreich, UdSSR, Westen