08:38 18 November 2018
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    Patriarch von Moskau Kirill während der Sitzung der Heiligen Synode der Russisch-Orthodoxen Kirche

    Totaler Bruch: Christentum steht vor dritter Spaltung

    © Sputnik / Pressedienst des Patriarchats der Russisch-orthodoxen Kirche
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    Der 15. Oktober wird in die Geschichte des orthodoxen Glaubens als einer der traurigsten Tage eingehen. In der Sitzung der Heiligen Synode der Russisch-Orthodoxen Kirche in Minsk am Montag wurde beschlossen, alle Kontakte mit dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel einzustellen.

    Damit wurde der Bruch zwischen den beiden orthodoxen Kirchen vollzogen  – der mit dem höchsten Status (Konstantinopel) und der größten (der Russisch-Orthodoxen).

    In der Geschichte gab es schon zwei große Spaltungen: 1054, als der Papst den Bruch mit Konstantinopel und allen anderen Patriarchaten verkündete. Am Ende zerfiel die christliche Kirche in den westlichen (katholischen) und östlichen (orthodoxen) Zweig. 1517 spaltete sich das westliche Christentum in Katholiken und Protestanten. Wie sich jetzt die Beziehungen zwischen den autokephalen orthodoxen Kirchen entwickeln werden, wird sich in der nächsten Zeit zeigen. Jede von ihnen muss sich entscheiden, auf wessen Seite sie steht: der von Konstantinopel oder der der Russisch-Orthodoxen Kirche.

    „Gefahr der Spaltung des globalen orthodoxen Glaubens“

    Planmäßig hätte die gestrige Sitzung der Heiligen Synode der Russisch-Orthodoxen Kirche um 18 Uhr zu Ende gehen sollen. Aber sie dauerte wesentlich länger. Angesichts dessen kann man wohl darauf schließen, dass die Entscheidung dabei sehr schwer gefallen ist.

    Der Sprecher des Moskauer Patriarchats, ständiges Mitglied der Heiligen Synode, Metropolit Ilarion von Wolokolamsk, verkündete den Bruch mit dem Patriarchat von Konstantinopel. Nach seinen Worten war das eine zwangsläufige Entscheidung, aber eine andere konnte die Heilige Synode unmöglich treffen, „weil die ganze Logik des Vorgehens des Patriarchats von Konstantinopel dazu geführt hat“.

    „Vor einigen Tagen hatte die Synode des Patriarchats von Konstantinopel die Entscheidung zur Wiederherstellung des Amtes des zuvor von der Kirche getrennten Führers der ukrainischen Spaltung, Filaret Denissenko, und des Führers einer anderen abgespalteten Gruppierung getroffen“, erinnerte Ilarion an die Chronologie der Ereignisse. „Es wurde beschlossen, den Akt des Patriarchats von Konstantinopel vom Jahr 1686 zur Aufnahme der Kiewer Metropolie in das Moskauer Patriarchat außer Kraft zu setzen. Zudem wurde entschieden, dass in der Ukraine Stauropegionen des Patriarchats von Konstantinopel gegründet werden. Aus der Sicht der Russisch-Orthodoxen Kirche sind alle diese Beschlüsse ungesetzlich und kanonisch nichtig. Die Russisch-Orthodoxe Kirche  akzeptiert sie nicht und wird sie nicht befolgen – Spaltung bleibt Spaltung, die Führer der Spaltung bleiben eben die Führer der Spaltung, und da die Kirche die Abspalter unterstützt und Kontakt mit ihnen aufgenommen hat, hat sie sich aus dem kanonischen Feld der Russisch-Orthodoxen Kirche ausgeschlossen. Das ist eben der Hauptgrund, warum wir die Kontakte mit dem Patriarchat von Konstantinopel abbrechen mussten.“

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    Für viele autokephale orthodoxe Kirchen sei eine prekäre Situation entstanden, stellte Professor Alexej Ossipow von der Moskauer Priesterakademie fest. Sie müssen sich jetzt nach seinen Worten entscheiden, mit dem sie im Bund bleiben – mit der Russisch-Orthodoxen Kirche oder mit dem Patriarchat von Konstantinopel.

    Es gibt allerdings auch einen anderen Standpunkt, den der Vorsteher der Kirche der Heiligen Tatiana in Moskau, Erzpriester Wladimir Wigiljanski, zum Ausdruck brachte. Die Formulierung über die Abspalter sei „einfach eine Feststellung der Tatsache“, betonte er. „Es wiederholt sich bei sehr vielen ökumenischen Konzilen: Wer Kontakte mit den Spaltern aufnimmt, wird selbst als Spalter angesehen“, erläuterte er. Dabei gibt es nach seinen Worten keine ultimative Forderung an die autokephalen Kirchen, die Kontakte mit Konstantinopel abzubrechen.

    Professor Alexej Swetosarski von der Moskauer Priesterakademie findet, dass die entstandene Situation mit der Lage der Orthodoxen Kirche in Amerika durchaus vergleichbar sei. „Wir kennen die Situation um die Anerkennung der Autokephalie der Orthodoxen Kirche in Amerika durch Konstantinopel. Aber diese Situation besteht schon seit Jahrzehnten. Wir werden jetzt Kontakte mit dem Patriarchat von Konstantinopel vermeiden – in der Hoffnung, dass diese Maßnahme unsere Brüder zwingen wird, vernünftig zu bleiben. Diese Frage wird jetzt sehr intensiv von autokephalen Kirchen diskutiert. Welche Schlüsse sie aber ziehen werden, ist schwer zu sagen“, betonte der Professor.

    Keine Pilger, aber Touristen

    Welche Folgen wird die gestrige Entscheidung der Synode der Russisch-Orthodoxen Kirche für das kirchliche Leben haben, für Priester, Mönche und Kirchengänger? Auf diese Fragen gibt es vorerst keine klaren Antworten. Aber Experten haben bereits mehrere besonders schmerzhafte Punkte ausfindig gemacht. Erstens werden die Mönche auf dem Berg Athos Probleme bekommen.

    „Die Entscheidung der Heiligen Synode der Russisch-Orthodoxen Kirche wird vor allem unsere Mönche auf Athos treffen. Von diesen gibt es dort Dutzende“, vermutete Swetosarski. „Sie werden in eine sehr schwere Situation geraten, denn Athos liegt auf dem Territorium des Patriarchats von Konstantinopel. Mehr noch: Sie sind griechische Staatsbürger. Zwar nicht der Türkei, aber die griechisch-griechischen Kontakte sind bekanntlich sehr eng. Aus der Sicht der Griechen gehören alle Klöster ihnen, egal wer dort lebt. Auf Athos ist man über diese Frage sehr beunruhigt.“

    Auch Pilger könnten dem Experten zufolge mit Problemen konfrontiert werden. „Unsere traditionelle russische Präsenz auf Athos, wie auch unsere Pilgerschaft, die in den vergangenen Jahren sehr aktiv war, könnten infrage gestellt werden. Konstantinopel kontrolliert die Pilger, indem gewisse Quoten festgelegt werden“, erläuterte er.

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    Derselben Auffassung zeigte sich auch der Erzpriester Wigiljanski: „Athos gehört dem Patriarchat von Konstantinopel. Jetzt könnten russische Pilger den Berg nur als Touristen besuchen – sie dürfen sich nicht an Gebeten beteiligen. Und was wird mit den Menschen, die in russischen Klöstern auf Athos leben? Die Klöster gehören Konstantinopel. Die Menschen müssen sich dann selbst entscheiden – entweder weggehen oder bleiben, dabei aber die Kirche wechseln. (…) Wenn aber unsere Kleriker Kontakte mit den Spaltern unterhalten werden, werden sie verboten oder anathematisiert“, warnte der Glaubenslehrer.

    Für einfache Kirchengänger bedeutet der Bruch zwischen Moskau und Konstantinopel, dass sie in den Kirchen des Patriarchats von Konstantinopel nicht mehr das heilige Abendmahl einnehmen dürfen. In erster Linie gelte das für die Menschen, die außerhalb Russlands leben, erläuterte der Theologe und Lehrer der Moskauer Priesterakademie Erzpriester Wladislaw Zypin. Dieser Meinung stimmte auch Wigiljanski zu: „Dieses Unheil wird viele russische Kirchen im Westen treffen. Vor allem in Frankreich – dort gibt es mehrere Kirchen, die dem Patriarchat von Konstantinopel angehören, unter anderem die bekannte Alexander-Newski-Kathedrale in der Rue Daru in Paris, die zwar von Geld unseres Zaren gebaut wurde, doch das spielt keine Rolle. In den 1930er-Jahren (…) wurden sie vom Patriarchat von Konstantinopel übernommen.“

    Große Geopolitik

    Besonders schlimm ist die entstandene Situation für die Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats. „Die ukrainischen Behörden werden jetzt die kanonische orthodoxe Kirche und orthodoxe Kirchen unterdrücken“, warnte Wladislaw Zypin.

    Auch Wladimir Wigiljanski zeigte sich pessimistisch. „In den früheren Jahrhunderten gab es schon viele Versuche zu einer solchen Spaltung. (…) Aber sie wurde immer wieder vermieden. (…) Unter Patriarch Bartholomeos I. gibt es dafür wohl keine Chancen, aber sobald er aus dem Leben geschieden ist, wird sich meines Erachtens alles wieder normalisieren. Das ist sowohl mit seiner Person als auch mit dem politischen Kontext verbunden. Es ist bekannt, dass er Kontakte mit Amerika pflegt, und in der Türkei konnte er seine Positionen jahrzehntelang aufrechterhalten, nur weil er die Unterstützung der US-Präsidenten genoss. Alles, was gerade passiert, ist mit der großen Geopolitik verbunden.“

    Professor Swetosarski zeigte sich allerdings überzeugt, dass ein Ausweg aus der Pattsituation immer noch möglich sei. Dieser könnte nach seiner Auffassung bei einem großen gesamtorthodoxen Konzil gefunden werden, für dessen Einberufung das Patriarchat von Antiochia plädiere.

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