09:14 21 November 2018
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    Blick auf die USA von dem Weltraum (Symbolbild)

    Neue geostrategische Realität holt die USA ein

    CC BY 2.0 / Eric Fischer / North American detail map
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    Vor einigen Tagen berichteten russische Medien, dass große Städte auf dem Territorium des Landes sowie wichtige industrielle und soziale Objekte mit einem mobilen Raketenschutzschild geschützt werden sollen. Laut Quellen im russischen Verteidigungsministerium geht es um die Entwicklung eines vollwertigen nichtstrategischen Luftabwehrsystems.

    Globaler Trend

    Für den Anfang muss man sagen, dass es bei der Raketenabwehr um alle möglichen Arten von Schutzmitteln vor gegnerischen Raketenwaffen geht. Sie beinhaltet beispielsweise auch den aktiven Schutz der Panzertechnik vor ferngesteuerte Anti-Panzer-Raketen. Und in diesem Fall auch vor taktischen ballistischen Raketen und Marschflugkörpern. Höchstwahrscheinlich vor allem vor amerikanischen operativ-taktischen Raketenkomplexen ATACMS. Nach einigen Parametern sind sie mit den russischen Komplexen „Iskander“. Experten zufolge sind sie aber schlechter als die „Russen“. Russland verfügt bereits über Raketen „Tor-M2“, „Buk-M2“ und „Buk-M3“, S-300V4, S-300PMU2 und S-400, die die meisten Aufgaben im Rahmen der nichtstrategischen Luftabwehr lösen. Der Chefredakteur des Fachmagazins „Arsenal Otetschestwa“ („Arsenal des Vaterlandes“), Viktor Murachowski, vermutete zudem, dass es auch um die Entwicklung eines neuen Systems gehen könnte, dessen Möglichkeiten mit denen der Raketen S-350 „Witjas“ vergleichbar wären.

    Das S-350-System wurde zum ersten Mal bei der Luft- und Raumfahrtmesse MAKS-2013 dem Publikum gezeigt. Das ist eine selbstfahrende Startanlage mit einem hochmodernen Elektroscanning-Radar. Es ist für Kurz- und Mittelstreckenraketen geeignet.

    Dabei handelt Russland in Übereinstimmung mit dem globalen Trend: In der ganzen Welt werden mehrere nichtstrategische Raketenabwehrsysteme entfalten (Israel, Indien, Japan, EU). Das bekannteste ist die so genannte „Eiserne Kuppel“, die israelische Städte vor nichtgesteuerten Raketen zuverlässig schützt, deren Reichweite zwischen vier und 70 Kilometern liegt. Künftig will Israel die „Eiserne Kuppel“ modernisieren, so dass dieses System auch gegen ballistische Raketen passt und eine Reichweite 250 Kilometer erreicht. Und über strategische Raketenabwehrsysteme verfügen nur zwei Länder – die USA und Russland.

    Letzte Stufe der strategischen Raketenabwehr

    Interkontinentale ballistische Raketen können bekanntlich auf verschiedenen Flugbahnabschnitten abgeschossen werden: in der Anfangs-, Mittel- oder Abschlussphase des Flugs. Gleich nach dem Start ist die Rakete ziemlich anfällig – sie lässt sich leicht orten, hat eine geringe Geschwindigkeit usw. Andererseits sind strategische Raketen tief im Hinterland des potenziellen Gegners stationiert und sind durch Luft- und Raketenabwehrsysteme zuversichtlich gedeckt. Außerdem dauert die Anfangsphase des Flugs nur ein paar Minuten, und diese Zeit reicht nicht, um die Rakete zu orten und eine Abfangrakete zu starten. Experten vermuten, dass die USA gerade deshalb ihre Anti-Raketen-Raketen in Osteuropa aufstellen, um diesen Mangel auszugleichen. Denn noch näher zu den russischen Raketenstartanlagen können sie nicht mehr stationiert werden.

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    Raketen können auch in der aktiven Flugphase abgefangen werden, wenn die Gefechtsblöcke sich schon von der ballistischen Rakete abgespalten haben und im Weltraum nach dem Trägheitsgesetz fliegen. Der Vorteil dabei besteht darin, dass für ihre Ortung und Vernichtung ziemlich viel Zeit bleibt (nach einigen Angaben bis zu einer halben Stunde). Der Nachteil ist, dass die Gefechtsblöcke relativ klein sind und eine Anti-Radar-Beschichtung haben – und nichts ausstrahlen. Deshalb sind sie nur schwer zu orten. Zudem tragen moderne ballistische Raketen viele „Täuschkörper“ (simulieren Scheinziele), die sich auf einem Radarbildschirm von echten Zielen kaum unterscheiden.

    Sprengköpfe können auch in der Schlussphase des Flugs abgefangen werden. Das ist relativ einfach, weil leichtere „falsche Ziele“ nach der Rückkehr in die irdische Atmosphäre sich leicht erkennen lassen.

    Es gibt aber auch Nachteile: Der größte besteht darin, dass die Raketenabwehr eine sehr geringe (manchmal weniger als eine Minute) Zeit haben. Die Vernichtung der Sprengköpfe in der letzten Flugphase ist im Grunde eben die letzte Stufe der strategischen Raketenabwehr. Gerade so ist die Luftverteidigung Moskaus organisiert.

    Das System A-135 kann gleichzeitig bis zu 100 Ziele aus einer Entfernung von bis zu 2000 Kilometern verfolgen. Die Raketen 53T6 Gazelle haben faszinierende Geschwindigkeitseigenschaften: Sie können innerhalb von nur drei oder vier Sekunden die Höchstgeschwindigkeit (bis zu 5500 Kilometer pro Sekunde) erreichen. 2016 verfügte Russland über 68 solche Abfangraketen mit nuklearen Sprengköpfen von je zehn  Kilotonnen.

    In der Abschlussphase befindet sich auch die Entwicklung eines erneuerten Raketenabwehrsystems für Moskau – A-235, das das veraltete A-135-System ablösen soll. Natürlich sind seine meisten Charakteristiken nicht streng vertraulich. Bekannt ist lediglich, dass die neuesten Raketen ein noch präziseres Zielortungssystem haben werden.

    Amerikaner setzen auf kinetisches Abfangen

    Die USA verfügen ihrerseits überwiegend Raketenabwehrsysteme, die nach dem kinetischen Abfangprinzip funktionieren: Sprengköpfe werden im Grunde dank der maximal präziser Treffsicherheit abgeschossen, wobei Abfangraketen sehr leicht sind, aber enorm schnell fliegen.

    Es geht nämlich um Abfangraketen EKV (Exoatmospheric Kill Vehicle), die mit speziellen dreistufigen Trägerraketen GBI (Ground Based Interceptor) gestartet werden.

    Laut einigen Angaben wiegt eine EKV-Rakete nur 70 Kilogramm und verfügt über infrarotes Zielortungssystem – sie fliegt zu einem aufgeheizten Sprengkopf. Bei der Kollision des Sprengkopfes mit der EKV-Abfangrakete beträgt ihre gesamte Geschwindigkeit etwa 15 Kilometer pro Sekunde. Die Energie, die dabei ausgestoßen wird, ist ausreichend für die Vernichtung des Sprengkopfes. Die Frage ist nur, wie dieser getroffen werden könnte. Bei Tests treffen EKV-Raketen in mehr als 50 Prozent der Fälle die Ziele. Die Fähigkeit der Rakete, den Sprengkopf garantiert zu treffen, steht jedoch infrage. Und das ist ein sehr wichtiger Moment, denn eine Atomexplosion – selbst sehr weit weg vom geplanten Ziel – wäre unzulässig.

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    Darüber hinaus zweifeln Experten auch an der Fähigkeit dieses Systems, Sprengköpfe zu treffen, die unmittelbar im Flug manövrieren können. Andererseits wenn für das Abfangen von Hunderten gegnerischen Sprengköpfen ein massiver Einsatz von Anti-Raketen-Raketen nötig ist, wird nur eine kleine nukleare Explosion auf dem Weg der Gefechtsblöcke einen enorm starken Impuls auslösen, und dass Raketenabwehr-Radare garantiert verblendet werden.

    Auf das kinetische Abfangprinzip stützt sich auch die seegestützte Raketenabwehr Aegis der Amerikaner, die über Abfangraketen SM-3 verfügt. (Gerade ihre bodengestützte Modifikationen werden in der Nähe der russischen Grenzen aufgestellt.)

    Im Allgemeinen ist das Aegis-System sehr effizient. Aber selbst seine neuesten Modifikationen sind nicht in der Lage, die neusten manövrierfähigen Schlagblöcke russischer ballistischer Raketen  abzufangen – wegen des Brennstofflimits. Aber einen üblichen Sprengkopf abzufangen, wäre für Aegis kein Problem.

    Eindämmungsfaktor

    Die US-amerikanische Konzeption der globalen Raketenabwehr, die die Aufstellung ihrer Elemente außerhalb des amerikanischen Territoriums vorsieht, erhöht die Chancen auf die Abwehr eines beschränkten Schlags von ballistischen Raketen. „Beschränkt“ ist dabei das Schlüsselwort: Damit ist der gleichzeitige Schlag mit höchstens 20 Raketen gemeint.

    Aber wenn man Russlands modernste Technologien bedenkt, könnte ein solcher Schlag nicht einmal nötig sein. Im Frühjahr hatte der russische Präsident in seiner Ansprache an das Parlament die neuesten russischen Waffen präsentiert, die wirklich einmalig sind. Unter anderem den Flugkomplex „Kinschal“, den Raketenkomplex „Sarmat“, den Marschflugkörper „Burewestnik“ sowie Laserwaffen.

    Der Marschflugkörper „Sarmat“ kann bis zu zehn Gefechtsblöcke und viele „Täuschkörper“ tragen. Er wird zudem mit manövrierfähigen Sprengköpfen ausgerüstet. Möglicherweise geht es um die Entwicklung von gleitenden Hyperschallsprengköpfen mit suborbitaler Flugbahn.

    Darüber hinaus informierte der Kreml-Chef über die Entwicklung des Hyperschall-Systems „Avantgarde“, dessen Raketen in der dichten Atmosphäre fliegen könnten, wobei ihre Geschwindigkeit die Schallgeschwindigkeit um das 20-fache übertreffen würde.

    Mit anderen Worten, ist für die USA eine neue geostrategische Realität eingetreten. Innerhalb einer kurzen Zeit könnten auf Amerika mehrere Hunderte oder sogar Tausende solche Raketen (ohne Atomsprengköpfe) abgefeuert werden. Für so etwas ist die amerikanische Raketenabwehr gar nicht geeignet.

    Die Fakten sprechen für sich selbst: Sollte theoretisch ein Krieg beginnen, könnten die Vereinigten Staaten die Sicherheit ihres Territoriums nicht garantieren. Und das ist möglicherweise der wichtigste Eindämmungsfaktor für die hegemonistischen Ansprüche Washingtons.

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    Tags:
    Waffen, Entwicklung, Raketenabwehr, A-235, Raketenabwehrsystem S-400, Iskander, Tor-Flugabwehrraketensysteme, Russland, USA