07:13 20 November 2018
SNA Radio
    Feierlichkeiten zum 10. Jahrestag der Okotberrevolution in Pokrowsk, der Hauptstadt der Wolgadeutschen Autonomen Republik (heute: Engels)

    Wie Lenin ein Deutschland an der Wolga entstehen ließ

    © Foto: Engels Zweigstelle des staatlichen Archiv Saratower Gebiet
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Gazeta.ru
    1110718

    Vor 100 Jahren hat der Rat der Volkskommissare der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) das Dekret „Über die deutschen Kolonien an der Wolga“ verabschiedet.

    Das vom Regierungschef Wladimir Lenin und dem Geschäftsführer des Rates der Volkskommissare, Wladimir Bontsch-Brujewitsch, unterzeichnete Dokument verkündete die Gründung der ersten national-territorialen Autonomie im Lande – des Autonomen Gebiets der Wolgadeutschen, eines recht vielzähligen Volkes, deren Vorfahren die Kaiserin Katharina II. nach Russland eingeladen hatte. Dieses Gebiet wurde auch als Arbeitskommune bezeichnet. Für den Rat der Volkskommissare war die Ausarbeitung des Gesetzes sehr wichtig.

    Die Autonomie sollte ursprünglich nur auf der Ebene der nationalen Kreise in den Gouvernements Saratow und Samara in Form einer „Föderation des Mittleren Wolgagebietes“ gebildet werden.

    Es sind Fotos von jener Sitzung erhalten, in der die Volkskommissare unter Lenins Vorsitz diese Frage erörterten. In den Debatten begründete er selbst leidenschaftlich die Notwendigkeit, dieses neue Subjekt zu gründen, wozu er verschiedenste Argumente anführte. Die kulturellen Besonderheiten und Traditionen dieses Volkes waren dem sowjetischen Staatschef gut vertraut, denn seine Mutter, Maria Uljanowa, war im Milieu der Wolgadeutschen aufgewachsen. In seinem Werk „Die Entwicklung des Kapitalismus in Russland“ stützte sich Lenin gerade auf Materialien aus den deutschen Kolonien.

    „Zur Festigung des Kampfes um die sozialistische Befreiung der deutschen Arbeiter und deutschen Armut des Wolgagebiets, in Entwicklung der Prinzipien, die dem Statut des Wolga-Kommissariats für deutsche Angelegenheiten zugrunde liegen, und ebenso im Einklang mit dem einmütig geäußerten Wünschen des  Ersten Kongresses der sowjetischen Deputierten der deutschen Kolonien an der Wolga“ wurde entschieden, aus einem Teil der Territorien der Gouvernements  Saratow und Samara das Autonome Gebiet (die Arbeitskommune) der Wolgadeutschen zu gründen.

    Das Dokument umfasste sieben Punkte. Laut diesem Rechtsakt gehörte die gesamte Macht vor Ort in den Grenzen der aufgezeigten Territorien dem Exekutivkomitee, das vom Kongress der sowjetischen Deputierten der deutschen Kolonien an der Wolga und ebenso von den örtlichen Sowjets (Räten) der deutschen Arbeiter und deutschen Armut gewählt wurde. Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Exekutivkomitee und den sowjetischen Deputierten aus den Gouvernements  sollten dem Rat der Volkskommissare und dem Allrussischen Zentralen Exekutivkomitee zur Schlichtung vorgelegt werden.

    Karte der Wolgadeutschen ASSR
    Karte der Wolgadeutschen ASSR

    „Alle Maßnahmen der Sowjetmacht zur Verwirklichung der Diktatur des Proletariats und der Armut, aber ebenso zur Umgestaltung des gesamten politischen und wirtschaftlichen Lebens auf sozialistischer Basis werden in dem oben genannten, von deutschen Kolonisten besiedelten Gebiet über das Exekutivkomitee der sowjetischen Deputierten der deutschen Kolonien der Wolgadeutschen durchgeführt“, hieß es im fünften Punkt des Dekrets vom 19. Oktober 1918.

    Im abschließenden, siebenten Punkt wurde das kulturelle Leben der deutschen Kolonisten reglementiert.

    „Der Gebrauch der Muttersprache in den Schulen, in der örtlichen Verwaltung, im Gericht und im öffentlichen Leben unterliegt laut der sowjetischen Verfassung keinerlei Einschränkungen“, heißt es in dem Dokument weiter.

    Im Schlussteil wird die nationale Frage behandelt, für die in der Regierung Josef Stalin zuständig war. Der Rat der Volkskommissare äußerte darin seine Überzeugung, dass unter der Bedingung, dass diese Punkte ins Leben umgesetzt werden, „der Kampf um die soziale Befreiung der deutschen Arbeiter und deutschen Armut an der Wolga keinen nationalen Hader schafft, sondern im Gegenteil der Annäherung der deutschen und russischen werktätigen Massen dienen wird, deren Zusammenschluss der Unterpfand für den Sieg und die Erfolge in der internationalen proletarischen Revolution ist“.

    Im Jahr  1919 und dann auch 1920 wurde der Text des Dekrets ergänzt, nun hieß es „Über die Schaffung des Gebietes der Wolgadeutschen“. Am 19. Dezember 1923 wurde das Autonome Gebiet in die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik (ASSR) der Wolgadeutschen umbenannt. Und im Jahr 1936 ging sie direkt in den Bestand der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (RSFSR) ein.

    Ursprünglich wurden auf dem Territorium der Arbeitskommune 13 Kreise gebildet. Nach den erwähnten Umwandlungen wurde die Autonomie bereits in 22 Kantone untergliedert. Die Hauptstadt wurde Marxstadt (heute Marks), gelegen am linken Wolgaufer 60 Kilometer nordöstlich von Saratow, ab 1922 wurde Pokrowsk, das in Engels umbenannt und speziell aus dem Gouvernement Samara  an das Gouvernement Saratow übergeben wurde, die Hauptstadt. Den Status einer Stadt besaßen zudem Balzer (heute Krasnoarmejsk) und Seelmann (heute Rownoe).

    Bauer während eines feierlichen Zuges in der Wolgadeutschen ASSR (Archivbild)
    Bauer während eines feierlichen Zuges in der Wolgadeutschen ASSR (Archivbild)

    Die Fläche des neuen Gebildes betrug 27.400 Quadratkilometer, die Bevölkerung zählte über 700.000 Menschen, darunter 67 Prozent Deutsche, 20 Prozent Russen und 12 Prozent Ukrainer.

    Im Ersten Weltkrieg sahen sich die Wolgadeutschen mit einer Unterdrückung und teilweisen Aussiedelung konfrontiert. Die sowjetische Geschichtsschreibung versuchte zu beweisen, dass erst nach der Oktoberrevolution von 1917 diese Verfolgung ein Ende genommen habe, und das viele Deutsche zum Zeichen der Dankbarkeit im Bürgerkrieg die Seite der Roten gewählt hätten. Übrigens gab es  auch unter den Weißen damals recht viele Wolgadeutsche.

    Der erste Vorsitzende des Wolga-Kommissariats wurde der deutsche Sozialdemokrat Ernst Reuter. Während des Ersten Weltkrieges war er verwundet worden und in russische Gefangenschaft geraten, wo er sich als Aktivist offenbarte und sich den Bolschewiki anschloss. Unter seiner unmittelbaren Beteiligung wurde der Erste Kongress der sowjetischen Deputierten der deutschen Kolonien an der Wolga einberufen. Aber Reuter blieb nicht lange in Russland. Nach dem Beginn der Novemberrevolution (1918) kehrte er nach Deutschland zurück, wo er ein führender Funktionär der Kommunistischen Partei wurde.

    Im Vergleich zu anderen Landesregionen besaß die ASSR der Wolgadeutschen die wohl höchste Kultur des Ackerbaus. Auch in der Wirtschaft gab es Erfolge.

    Eine schwere Prüfung wurde für die Menschen dieser Region die Hungersnot in den Jahren 1921-1922. Dies und die Unzufriedenheit mit der Politik der Bolschewiki führten zu einem Bauernaufstand.

    Die Unruhen wurden hart unterdrückt und die Anstifter erschossen. Mehreren Ortschaften wurde eine schwere Strafe  auferlegt – hohe Quoten für Lebensmittellieferungen.

    Die Wolgadeutschen waren bemüht, ihre Herkunft nicht zu vergessen, sie hielten sich als Diaspora und assimilierten sich nicht mit den anderen Völkern des Landes. Gerade im Wolgagebiet wurde das erste Traktorenwerk der UdSSR errichtet und 1926 die ersten 12 Traktoren gebaut. Hier wurde ein Verlag organisiert, der Lehrbücher, gesellschaftspolitische und schöngeistige Literatur und ebenso 21 Zeitungen in deutscher Sprache herausgab. Aktiv wurden dort auch die Werke namhafter russlanddeutscher Schriftsteller herausgegeben: Dominik Hollmann, Gerhard Sawatzky, Ernst Kontschak und anderer. Es funktionierten eine pädagogische Hochschule, eine pädagogische Arbeiterfakultät und andere Lehranstalten. Nationale Parteifunktionäre wurden an einer Parteihochschule ausgebildet.

    Mit der Zuspitzung der Beziehungen zwischen der UdSSR und Deutschland änderte sich auch das Verhältnis zu den Deutschen in der Sowjetunion: Ende der 1930er Jahre wurden außerhalb der ASSR der Wolgadeutschen alle national-territorialen Gebilde geschlossen: die deutschen nationalen Dorfsowjets und Kreise, die Schulen mit Unterricht in deutscher Sprache mussten fortan in Russisch unterrichten.

    In den Jahren 1937-1938 gab es in der Region, ebenso wie im ganzen Land, eine Welle von Verhaftungen, was sich auf die Arbeit der Betriebe und des Gewerbes negativ auswirkte.

    Die deutsche Republik an der Wolga existierte bis zum 28. August 1941, als sie im Zusammenhang mit dem Beginn des Großen Vaterländischen Krieges gegen Hitler-Deutschland aufgelöst wurde. Im Grunde genommen beschuldigte man alle Deutschen, unabhängig von ihren Ansichten, eine „fünfte Kolonne“ zu sein, und deportierte sie gewaltsam in abgelegene Gebiete Kasachstans und Sibiriens. Dieser Prozess wurde „Mobilisierung in die Arbeitsarmee“ genannt.

    Nach dem Zerfall der UdSSR siedelten viele ihrer Nachfahren in die historische Heimat – nach Deutschland – aus. Nach den Angaben der Bevölkerungszählung von 2010 lebten in Russland zu dieser Zeit fast 400.000 Deutsche. Auf dem Territorium des Gebietes Saratow sind es heute nur etwa 7.500 oder 0,3 Prozent der Bevölkerung. Einzelne Vertreter der Russlanddeutschen offenbaren sich in den verschiedensten Sphären – von der Politik bis hin zum Sport. So sind zum Beispiel gleich zwei Wolgadeutsche – Konstantin Rausch und Roman Neustädter – Mitglieder der russischen Fußball-Nationalmannschaft.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Wolgadeutsche, Russlanddeutsche, Repressalien, Sozialismus, Kolonisierung, Kolonie, Wladimir Lenin, Josef Stalin, Katharina II, Uljanowsk, Saratow, Wolga, Sowjetunion, UdSSR, Deutschland, Russland