10:30 19 November 2018
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    Flieger des US-Flugzeugträgers USS Harry S. Truman (Archivbild)

    „Trumps Falken“ im Sturzflug über der Arktis: Russland verdrängen

    © Foto: U.S. Navy/ Mass Communication Specialist 2nd Class Kilho Park
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    In Richtung Nordpol bewegt sich gerade der US-amerikanische Flugzeugträger „Harry S. Truman“. Am 25. Oktober beginnt in der Arktis eine Nato-Übung unter dem Namen „Trident Juncture“, die bis 7. November dauern wird. Daran werden sich etwa 50.000 Militärs aus 30 Nato-Ländern beteiligen.

    Laut dem Pressedienst des US-Verteidigungsministeriums werden die Teilnehmer des Manövers das Territorium Norwegens vor der Aggression „eines großen Landes“ verteidigen.

    Zuletzt hatte sich im Jahr 1991 ein US-Flugzeugträger („USS America“) in der Arktis-Region befunden. Washingtons Vorgehen kann also nur eines bedeuten: Es hat sich für die Militarisierung des Hohen Nordens entschieden und will diesen Weg konsequent gehen. Noch 2009 hatte die US-Administration Barack Obamas einen „Arktis-Fahrplan“ verabschiedet, der unter anderem einen Ausbau von Marineeinsätzen in der Region vorsah.

    2013 veröffentlichte das Pentagon eine spezielle „Arktis-Strategie“. Laut dieser Doktrin werden die USA auf jegliche Versuche anderer Länder zur Beschränkung des Verkehrs ihrer kommerziellen und Kriegsschiffe über dem Nördlichen Polarkreis mit demonstrativen Manövern reagieren. Zudem will man in Washington die Erfahrungen seiner Militärs bei Kriegseinsätzen unter Polarbedingungen vervollkommnen. Laut dem US-Kommando könnten sich diese Erfahrungen gegen 2030 zwecks Verteidigung der amerikanischen Territorien in der Arktis als nützlich erweisen.

    In der Arktis sind bekanntlich riesige Vorkommen von fossilen Brennstoffen vorhanden. Aktuell ist ihre Erschließung unrentabel, aber je nach der Entwicklung von Technologien – und wegen der globalen Klimaerwärmung – könnten diese Öl- und Gasfelder zugänglich werden. Nach Einschätzung der Uno belaufen sich die bewiesenen Ölvorräte auf 100 Milliarden Tonnen, die Gasvorräte auf 50 Billionen Kubikmeter.

    Aber es geht nicht nur um die Bodenschätze: Wegen des Klimawandels könnte sich die Nordostpassage, die aktuell Russland kontrolliert, als wichtigster Handelsweg zwischen Asien und Europa etablieren, weil er nämlich der kürzeste ist.

    Washingtons Problem ist, dass es kaum Eisbrecher hat. Der US-Küstenwache steht ein einziger schwerer Eisbrecher, „Polar Star“, zur Verfügung, der inzwischen 40 Jahre alt ist. Deshalb muss sich das Pentagon mit Atom-U-Booten begnügen, die im Arktischen Ozean handeln können. Allerdings beanspruchen die Amerikaner trotzdem die Dominanz im Hohen Norden.

    Unter solchen Bedingungen sieht sich Russland gezwungen, sein Potenzial in der Region auszubauen. Ende 2014 wurde in der Struktur seiner Streitkräfte auf Verfügung Präsident Putins das Vereinigte strategische Kommando „Nord“ gebildet, zu dem unter anderem Luftabwehrkräfte und ein Heer gehören. Im August wurden im Hohen Norden Schießübungen abgehalten, wobei Raketenkomplexe „Bastion“ zum Einsatz kamen. Und am 9. Oktober fand eine Übung in der Barentssee statt, an der ein Schiffsverband der Nordflotte mit dem großen Anti-U-Boots-Schiff „Vizeadmiral Kulakow“ an der Spitze teilnahm. Dieses Manöver wurde zum Höhepunkt eines 9000 Seemeilen langen Arktis-Zugs der Nordflotte.

    Wie würden aber mögliche Szenarien des künftigen „Kampfes um die Arktis“ aussehen?

    „In der Welt gibt es nur noch drei an Bodenschätzen reiche Regionen: die Arktis, teilweise Afghanistan und die Antarktis“, sagte Generaloberst Leonid Iwaschow, Mitglied der Akademie für geopolitische Probleme und Ex-Chef der Hauptverwaltung für internationale Militärkooperation beim Verteidigungsministerium Russlands. „In Afghanistan haben die Amerikaner schon jetzt das Sagen. Vor allem kontrollieren sie die dortigen Uranvorkommen. Fossile Brennstoffe und Seltenerdmetalle sind in der Arktis konzentriert. Und um diese Arktis-Ressourcen beginnt gerade eine richtig globale Konfrontation“, stellte der Experte fest.

    „Die Amerikaner wollen nicht nur Russland verdrängen, sondern auch Kanada, Norwegen und andere nördliche Länder unterdrücken. Und das ist der Hintergrund der immer intensiveren militärischen Konfrontation“, so Iwaschow weiter.

    Washingtons großes Ziel besteht nach seinen Worten darin, „Russland aus der Arktis zu verdrängen, seine Rolle in der Region kleinzureden und alle Arktis-Ressourcen und Seekommunikationswege zu verwalten“. So wollen die Amerikaner die Nordostpassage nicht als russisches Territorium akzeptieren und behaupten, das wäre internationales Gewässer. „Und alles, was international ist, halten die Amerikaner für ihr Eigentum.“

    Russland müsse seinerseits daran denken, wie es seine Interessen in der Region verteidigen könnte, fuhr der Experte fort. „Im Grunde bilden die Amerikaner eine Art ‚Arktis-Nato‘. Andererseits zeigen auch China, Indien und Japan ihr Interesse an den Bodenschätzen in der Arktis. Möglicherweise wäre es sinnvoll, an eine gemeinsame Erschließung der Arktis im Rahmen eines kollektiven Programms mit solchen Ländern zu denken. Denn es wäre sehr schwer für uns, das im Alleingang zu verkraften. Egal wer was sagt, sind die Amerikaner aus wirtschaftlicher und militärischer Sicht stärker als wir“, konstatierte Iwaschow.

    Der Politologe Michail Alexandrow vom Zentrum für militärpolitische Studien bei der Moskauer Hochschule für internationale Beziehungen (MGIMO) zeigte sich seinerseits überzeugt, dass die Entsendung der „Harry S. Truman“ in den Hohen Norden „nichts als eine PR-Aktion“ sei – „vor allem weil der Einsatz von Flugzeugträgern in der Arktis sehr riskant wäre“. Denn im Winter ist die See dort sehr unruhig, es blasen starke Winde, so dass Einsätze von Deck-Kampfjets unmöglich werden, erläuterte Alexandrow.

    Er schloss nicht aus, dass der aktuelle Einsatz des US-Flugzeugträgers durch den warmen Sommer in diesem Jahr möglich geworden sei. Aber ein permanenter Dienst dieses Schiffes im Hohen Norden wäre nach seinen Worten ausgeschlossen.

    Zudem verwies der Experte darauf, dass die Marine-Fliegerkräfte der russischen Nordflotte von der „Admiral Kusnezow“ ebenfalls regelmäßig Einsätze unter schweren Wetterbedingungen üben. „Also sind sowohl unser Flugzeugträger als auch unsere Piloten viel besser auf einen Krieg in der Arktis vorbereitet, wenn es dazu kommen sollte“, betonte er.

    Darüber hinaus plane Russland, bis 2020 insgesamt 13 Militärflugplätze in der Arktis wiederherzustellen, die es dort in Sowjetzeiten gegeben habe, so Alexandrow weiter. Dort werden Bomber Su-24, Jagdbomber Su-34, Schlachtflugzeuge Su-25 und Abfangjäger MiG-31 stationiert. Auch könnten dort strategische Bomber Tu-22, Tu-95 und Tu-160 nachgetankt werden. Und schließlich plane das russische Verteidigungsministerium, bis 2019 den Aufbau eines Luftabwehr-Schutzschildes über dem Raum zwischen Nowaja Semlja und Tschukotka abzuschließen, ergänzte Alexandrow.

    Auch bezüglich der Nordostpassage zeigte sich der Experte zuversichtlich: „Dort können die USA Russland auch nicht verdrängen. Der Grund ist ganz banal: Die Nato hat keine schweren Eisbrecher. Zum Vergleich: Für den Betrieb der Nordostpassage setzt Russland aktuell mehr als 30 Diesel-Elektro- und vier Atom-Eisbrecher ein.“

    „Notfalls könnten wir US-Kriegsschiffe im nördlichen Eis blockieren. Zumal wir auf dem Franz-Josef-Land, auf Nowaja Semlja und den Neusibirischen Inseln Militärstützpunkte haben. Also ist es völlig unbegründet seitens der USA, die Arktis unter ihre Kontrolle nehmen zu wollen“, schlussfolgerte der Politologe.

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    Eisbrecher, Kriegsschiffe, USS Harry S. Truman, Su-34, Su-24, MiG-31, Su-25, Tu-95MS, Tu-160, U.S. Navy, Pentagon, Verteidigungsministerium Russlands, NATO, Norwegen, Arktis, USA, Russland