10:33 19 November 2018
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    Su-25 der ukrainischen Luftstreitkräfte während der Nato-Übung Clear Sky 2018

    Kopf einziehen! Ukrainer und Deutsche üben heikle Maschen gegen Russlands Flugabwehr

    © AFP 2018 / Genya Savilov
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    Zwei Jagdbomber Su-25 stürmen wenige Meter über einen Flugplatz hinweg. Das Bodenpersonal schafft es gerade noch wegzurennen, um von den Luftwirbeln nicht erfasst zu werden. War der waghalsige Tiefflug nur ein schlechter Scherz ukrainischer Kampfpiloten? Schon möglich. Experten sprechen aber von einer Übung gegen die russische Flugabwehr.

    Der „Überraschungsangriff“ könnte auf einem Fliegerhorst im Südosten der Ukraine auf Video aufgenommen worden sein, berichten Nachrichtenagenturen. Kürzlich wurde der Film auf YouTube veröffentlicht.

    Das gefährliche Manöver ist nicht das erste dieser Art, das ukrainische Piloten ohne Rücksicht auf die Menschen am Boden fliegen. Immer wieder trainiert die Luftwaffe der Ukraine sogenannte Konturenflüge. Es handelt sich um Tiefflüge dicht über dem Boden, um vom gegnerischen Radar nicht erfasst zu werden.

    „Dabei fliegen Jagdbomber oder Aufklärungsjets in einer Höhe von fünf bis maximal zehn Metern und weichen Bodenhindernissen aus“, erklärt der Militärexperte Alexej Leonkow. Die Su-25 – also jener Jet, der auf dem Video knapp über dem ukrainischen Flugplatz düst – wurde auch zur Bekämpfung von Flugabwehrstellungen entwickelt. „Der Jagdbomber fliegt in niedrigster Höhe mit hohem Tempo und vernichtet alle Flugabwehrsysteme auf seinem Weg“, erläutert der Fachmann.

    Die ukrainische Luftwaffe macht sich nichts daraus, diese für Mensch und Maschine kritischen Manöver auch über dichtbesiedelten Wohngebieten und sogar Urlaubsorten zu üben. Unzählige YouTube-Videos zeugen davon.

    Anfang vergangenen Sommers wurde eine Su-25 über einem Badestrand am Asowschen Meer gesichtet. Im Tiefflug donnerte die Maschine über die Urlauber hinweg, darunter waren auch Familien mit Kindern.

    Im Juli trainierten mehrere ukrainische Jagdbomber über der Großstadt Mariupol den Konturenflug. Die Druckwelle der vorbeifliegenden Jets riss bei einem der Häuser die Ziegel vom Dach. Danach übten die Kampfpiloten westlich der Stadt, wieder über den Stränden am Asowschen Meer.

    Dass es sich um eine planmäßige Übung handelte, stellte sich erst im Nachhinein heraus. Die Verantwortlichen hatten es nicht für nötig erachtet, die betroffenen Menschen rechtzeitig darüber zu informieren – aus Gründen der Geheimhaltung, hieß es.

    Wie gefährlich solche Trainings werden können, zeigt der jüngste Unfall mit einer ukrainischen Su-27, die bei einem gemeinsamen Manöver mit der Nato in der Westukraine abgestürzt ist. Ein ukrainischer und ein amerikanischer Pilot starben.

    Womöglich habe der Ukrainer vor seinem amerikanischen Kollegen angeben wollen. Aber der Hochmut komme vor dem Fall, sagt Luftwaffenoberst Wladimir Anochin von der russischen Akademie für geostrategische Studien. „Solche überheblichen Manöver sind ein Vabanquespiel, wie auch der Absturz der Su-27 zeigt. Mag die Technik aus der Sowjetzeit noch so zuverlässig sein – auch sie hat ihre Belastungsgrenzen und muss erneuert werden.“

    Was die Übungen der ukrainischen Luftwaffe über Wohngebieten angeht, so spricht der Experte gar von „Luft-Vandalismus“: In solchen Fällen seien die ukrainischen Piloten „rücksichtslose Rambos“.

    Die deutschen Kampfpiloten und ihre Kommandeure seien da wesentlich klüger, sagt der Experte. Bis Ende dieser Woche werden deutsche Eurofighter-Crews, die in Estland stationiert sind, Flüge in niedrigsten Höhen trainieren, teilt das estnische Verteidigungsministerium mit.

    Die Bundeswehr beteiligt sich seit August wieder an der Nato-Mission „Verstärkung Air Policing Baltikum“. Bis April 2019 sind fünf Eurofighter und rund 200 Soldaten im estnischen Ämari stationiert.

    Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen verfügen nicht über entsprechend ausgestattete Streitkräfte, um ihren Luftraum selbstständig zu schützen. Deswegen entsendet die Nato im Rotationsverfahren Kampfjets in die Region, „um den Luftraum an der Ostflanke des Bündnisses zu überwachen“, heißt es offiziell.

    Im August hatte die Nato die Flüge ihrer Kampfjets im Rahmen der baltischen Mission unterbrochen. Grund dafür war ein spanischer Eurofighter, der ohne ersichtlichen Grund eine Luft-Luft-Rakete abgefeuert hatte. Der Vorfall konnte zwar nicht endgültig aufgeklärt werden, aber seit September fliegen die Nato-Jets über dem Baltikum wieder.

    Bundeswehr-Piloten werden im Laufe dieser Woche Tiefflüge „in einer Höhe von mindestens 152 Metern und hauptsächlich weitab bewohnter Gebiete“ absolvieren, teilt das estnische Verteidigungsministerium mit.

    Luftwaffenoberst Wladimir Anochin sagt hierzu: „150 Meter sind eine gute Höhe für jedes Flugzeug, sogar für schwere Maschinen. In dieser Höhe kann man jedes Ziel anfliegen, ohne entdeckt zu werden.“

    Die Taktik der Konturenflüge wird seit langem angewendet, ergänzt der Militärexperte Leonkow.

    „Es geht dabei darum die Beschaffenheit der Landschaft zum eigenen Vorteil zu nutzen. Das hohe Tempo und der Überraschungseffekt ermöglichen es, sich einem Ziel zu nähern und zuzuschlagen, bevor der Gegner seine Flugabwehr aktiviert.“

    Und: „Die Übung von Konturenflügen ist Teil einer jeden Gefechtsausbildung. Das machen auch die Nato-Kräfte in Estland so. Um sich im Kampfeinsatz gut orientieren zu können, müssen sie sich schließlich mit der Landschaft vertraut machen. Denn im Konturenflug muss sich der Pilot nicht nur auf die Fluggeräte, sondern auch auf seine Augen verlassen.“

    Der kleinste Fehler könne schon eine Katastrophe verursachen: „Hat man die Höhe falsch berechnet oder kennt man die Landschaft nicht gut genug, stößt man im Flug plötzlich auf ein Hindernis, eine Stromleitung oder eine Brücke zum Beispiel. Dann kann der Pilot nicht rechtzeitig reagieren – und auch der Schleudersitz hilft ihm da nicht mehr viel“, so der Experte Leonkow.

    „Wenn Piloten in niedrigsten Höhen fliegen, üben sie den Zielanflug“, sagt Oberst Anochin. „Je nach Gegend wird eine eigene Route vorbereitet. Natürlich müssen die Piloten dann auch die Landschaft kennen wie ihre Westentasche.“

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    Tags:
    Kriegsgefahr, Nato-Osterweiterung, Kampfjets, Übung, Luftabwehr, Eskalation, Luftstreitkräfte, Manöver, Su-25, Su-27, Clear Sky 2018, U.S. Air Force, Verteidigungsministerium der Ukraine, Bundeswehr, NATO, Ursula von der Leyen, Stepan Poltorak, Petro Poroschenko, Ostukraine, Donbass, Deutschland, USA, Russland, Ukraine