13:57 15 November 2018
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    Pipeline-Werk des deutschen Unternehmens RMA Rus in der russischen Stadt Jelabuga (Archivbild)

    Deutsche Wirtschafts-Renaissance in Russland

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    Die deutsche Wirtschaft baut nach einem viele Jahre dauernden Rückgang wieder ihre Präsenz in Russland aus. Die Investitionen in die russische Wirtschaft haben den höchsten Stand seit acht Jahren erreicht, schreibt das Portal Expert.

    „Nicht alle Deutschen glauben an Gott, aber alle (glauben) an die Bundesbank“,  so lautet ein bekannter Spruch. Pragmatismus dominiert jetzt auch in den Wirtschaftsbeziehungen mit Russland. Sanktionen sind wohl Sanktionen, doch die Kooperation mit Russland bringt dem deutschen Geschäft viele Vorteile, und die deutschen Unternehmer bauen ihre Geschäftskooperation mit dem östlichen Nachbarn wieder aus.

    Import und Export legen zu

    Die Krise und Sanktionen haben den russisch-deutschen Handel stark getroffen. Während der Handelsumsatz zwischen Russland und Deutschland 2012 und 2013 rekordhohe 80 und 75 Mrd. Dollar ausmachte, waren es 2016 doppelt so wenig – 39 Mrd. Dollar. Doch im vergangenen Jahr wurden die Wirtschaftsbeziehungen mit Deutschland wiederbelebt. 2017 stieg der bilaterale Handelsumsatz fast um einen Drittel auf 49,4 Mrd. Dollar. In diesem Jahr kann er laut Prognosen um weitere 30 Prozent auf mehr als 65 Mrd. Dollar steigen.

    Der Saldo des Handelsumsatzes ist jetzt auf der russischen Seite. Nach Angaben des Föderalen Zollamtes lag der Import der deutschen Waren 2017 bei 23,9 Mrd. Dollar und der Export russischer Waren nach Deutschland bei 25,5 Mrd. Dollar. Beim russischen Export geht es vor allem um Rohstoffe – Öl, Gas, Kohle. Die russischen Exportmengen nach Deutschland wachsen eigentlich vor allem wegen des Wachstums der Weltpreise für Energieträger. Was die nach Russland exportierten deutschen Waren betrifft, sind es vor allem Anlagen und Ausstattung, Verkehrsmittel, Pharma- und Chemie-Erzeugnisse, Kunststoffe, Optik.

    Deutschen Investitionen nehmen zu

    Neben dem reinen Import wächst auch die Geschäftsaktivität Deutschlands in Russland. Zuvor hatte die ungünstige wirtschaftliche und politische Lage einen negativen Einfluss auf das Geschäft gehabt. Nach Angaben der Russisch-Deutschen Außenhandelskammer sind es in den letzten sieben Jahren 21 Prozent weniger deutsche Firmen in Russland geworden. Während 2011 es 6300 deutsche Firmen waren, sind es jetzt 4900. Dabei sinkt diese Zahl weiter. Allein im vergangenen Jahr verließen 270 deutsche Firmen Russland.

    Dennoch sagen Vertreter der deutschen Wirtschaft, dass die deutsche Präsenz in Russland in der letzten Zeit zwar quantitativ, jedoch nicht qualitativ sank. AHK-Chef Matthias Schepp sagte vor kurzem, dass das deutsche Russland-Geschäft weiterhin eines der stärksten und aktivsten sei. Es sei zwar die Zahl, aber nicht die Qualität der Unternehmen zurückgegangen, und sie wächst weiter. Fast alle deutschen Großunternehmen bleiben dem russischen Markt treu, viele von ihnen haben sogar ihre Investitionen ausgebaut, so Schepp.

    Das Wachstum des deutschen Geschäfts verdeutlichen anschaulich Informationen über den höheren Zustrom des deutschen Kapitals nach Russland. Nach Angaben der Bundesbank lagen Direktinvestitionen aus Deutschland im vergangenen Jahr bei mehr als 1,6 Mrd. Euro, was die beste Kennzahl seit 2010 ist.

    Was die Typen der aktivsten deutschen Unternehmen betrifft, sind es laut KPMG-Experten vor allem Automobilhersteller — Volkswagen, Daimler, BMW. VW investierte allein in den letzten drei Jahren rund 0,5 Mrd. Euro in die lokale Produktion in Russland.

    „Volkswagen, Daimler, BMW – das sind nur einige davon – schaffen unabhängig von der kurzfristigen Marktkonjunktur Produktionsplattformen, was ihr Vertrauen zum russischen Markt bedeutet“, so Agri Nefsat vom Wirtschaftsprüfer KPMG in Russland und GUS. „Mercedes-Benz ergänzt sein internationales Produktionsnetz mit einem neuen Werk im Industriepark Jessipowo. Das Werk soll 2019 in Betrieb genommen werden, seine Gesamtkapazität soll bei 25.000 PKWs pro Jahr liegen. Im zentralen Teil Russlands stellen Daimler zusammen mit KamAZ LKWs her, wobei die PKW-Produktion noch nicht aufgenommen ist. BMW will im Gebiet Kaliningrad eine Voll-Zyklus-Produktion aufnehmen, Landmaschinenhersteller Claas wird in die lokale Produktion von Mähdreschern in Krasnodar investieren“, so Nefsat.

    Die Liste der deutschen Investoren in Russland besteht nicht nur aus Automobil- und Maschinenherstellern. So will das Pharmaunternehmen Bionorica 2021 die Produktion in Woronesch aufnehmen. Im Bereich Gerätebau eröffnete die deutsche Firma Wika vor kurzem bei Moskau eine große Anlage zur Herstellung von Temperaturmesstechnik. Der Pumpanlagenproduzent KSB startete vor kurzem eine Produktionsstätte in Russland. Auch deutsche Verkehrsunternehmen bauen ihre Aktivitäten in Russland aus. Deutsche Bahn, Siemens, Gauff Rail Engineering u.a. nehmen am Projekt zum Bau von Hochgeschwindigkeitsbahnen teil und setzen die Arbeit an der Umsetzung der Pilotstrecken der Hochgeschwindigkeitsbahn „Eurasien“ fort.

    Darüber hinaus wird die deutsche Präsenz in der Chemieindustrie in Russland ausgebaut. Die Chemiebranche in Russland entwickle sich rasant und wachse schneller als BIP, hieß es im Pressedienst der BASF-Vertretung in Russland. Der russische Markt sei für BASF langfristig interessant, 2017 zeigte das Unternehmen sehr gute Ergebnisse – die Verkaufszahlen der BASF-Gruppe in Russland und GUS beliefen sich bei 1,052 Mio. Euro, was um 21 Prozent höher als 2016 sei. Die Firma entwickle derzeit aktiv den Bereich Bauchemie, so werden BASF-Lösungen aktiv beim Bau der Moskauer U-Bahn eingesetzt. Zudem werden sie beim Bau der Start- und Landebahnen der Flughäfen, beispielsweise Domodedovo, und beim Straßenbau (Westlicher Hochgeschwindigkeits-Ring in Sankt Petersburg) eingesetzt. Zugleich wurden sieben neue Projekte im Bereich Lokalisierung in Russland festgestellt. In diesem Jahr sei bereits die Lokalproduktion der  Schwefelwasserstofffänger für Masut und Oberflächenveredlungsmittel für die Öl- und Chemiebranche aufgenommen worden. Im Oktober soll ein Werk zur Herstellung der Beton-Zusätze in Krasnodar eröffnet werden, hieß es in BASF.

    Zu weiteren Großprojekten gehören die Entwicklung des Kesselwerks Viessmann im Gebiet Lipezk, das Siemens-Umwandlerwerk in Woronesch, die Knauf-Werke (Produktion von Glaswolle, Gipskarton und anderen Baumaterialien im Gebiet Moskau, Tjumen, Sankt Petersburg), die Ruetgers-Raffinerie für Steinkohlenteer in Tscherepowez, der Büro- und Lagerkomplex der Firma Stihl in Krasnodar u.a.

    Allerdings gab es in der letzten Zeit auch Misserfolge. So verzeichnete der deutsche Elektronikhändler Media Markt Verluste in Russland und musste das Einzelhandelsgeschäft in Russland schließen (das hinderte das deutsche Unternehmen jedoch nicht daran, ein Minderheitspaket an der russischen Firma M.Video zu erwerben).

    Und der neueste Trend – die Ausweitung der deutschen Warenlieferungen nicht nur auf den russischen Binnenmarkt. Die Abschwächung des Rubel-Kurses ist für das deutsche Russland-Geschäft gewinnbringend, weil in Russland produziert wird  und die Erzeugnisse anschließend nach Deutschland und in andere europäische Länder geliefert werden. So startete das VW-Werk bei Kaluga unlängst Lieferungen von Motoren nach Deutschland. Die Bosch-Werke in Russland steigern die Lieferungen von Elementen an europäische Kunden. Die Continental-Werke liefern Autoreifen in die EAC-Länder.

    „Der Export nach Europa entwickelt sich aktiv nach der Rubel-Entwertung“, sagte Dmitri Schimanow, Generaldirektor der Forschungsfirma MAR Consult. „Nachdem die Vorteile der lokalen Produktion allmählich begriffen worden waren, nahmen viele Unternehmen Lieferungen an europäische Länder auf, wie z.B. Knauf Insulation. Jetzt sind die Werke völlig ausgelastet dank dem Export nach Europa. Ein Erzeugnis mit Standard-Qualität, das in Russland hergestellt wurde, hat den Ruf einer deutschen Marke und den Selbstkostenpreis der russischen Produktion. Es waren gerade die Deutschen, die diesen Vorteil als Erste erkannt haben“, so der Experte.

    Kurs auf Entwicklung

    Das deutsche Geschäft in Russland ist auf eine weitere Entwicklung ausgerichtet. Laut der jüngsten Umfrage der Mitglieder der Russisch-Deutschen Außenhandelskammer planen 30 Prozent der deutschen Unternehmen in Russland neue Investitionen in diesem Jahr, 42 Prozent wollen neue Jobs schaffen, nur vier Prozent planen einen Personalabbau.

    Laut Vertretern der deutschen Wirtschaft wird Russland jetzt als größtes Land in Europa nach der Bevölkerungszahl mit der größten Kaufkraft unter den Schwellenländern wahrgenommen. Deutsche Unternehmen sagen auch, dass die russische Regierung es in der letzten Zeit geschafft hat, das Investitionsklima im Land zu verbessern. So kletterte Russland nach Einschätzung der Weltbank im Geschäftsführung-Ranking nach oben. Die Ratingagentur S&P erhöhte die Bonitätsnote Russlands auf positiv. Die Inflationsrate bleibt in Russland auf einem niedrigen Niveau – 2,2 Prozent am Anfang des Jahres. Das ist die niedrigste Kennzahl nach dem Zerfall der Sowjetunion.

    Allerdings sind die deutschen Geschäftskreise vom bescheidenen Wirtschaftswachstum in Russland in Höhe von 1-2 Prozent pro Jahr enttäuscht. Deutsche Unternehmen weisen auf Strukturprobleme der russischen Wirtschaft wie überbordende Bürokratie,  Währungsschwankungen, Protektionismus und hoher Anteil der staatlichen Beteiligungen hin. Zugleich rechnet die deutsche Wirtschaft mit einer Verbesserung der außenpolitischen Situation und Aufhebung der Sanktionen, von denen sie stark betroffen ist. Laut Einschätzungen verlor die deutsche Wirtschaft bereits insgesamt mehr als 1,5 Mrd. Euro wegen den Russland-Sanktionen. „Die Gemeinschaft des privaten Geschäfts versucht, der Bundesregierung den Gedanken zu vermitteln, dass sie sich in die politische Situation einmischen und keine Sanktionen einführen soll, weil die Unternehmer den russischen Markt als ziemlich aussichtsreich betrachten“, so Eduard Chakimow von der Consultingfirma Bilfinger Tebodin. „Wir hoffen, dass die politische und wirtschaftliche Situation sich in der nächsten Zeit ändert und deutsche Investoren noch mehr in die Industrie in Russland investieren können“, so der Experte.

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    Tags:
    Intensivierung, Autoindustrie, Öllieferungen, Unternehmen, Gaslieferungen, Rohstoffe, Raffinerie, Sanktionen, Deutsch-Russische Auslandshandelskammer (AHK), VW-Konzern, BMW, Daimler AG, BASF, AHK, Matthias Schepp, Deutschland, Russland