22:05 17 November 2018
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    Aufnahme-Prüfung der Spezial-Einheiten (Speznas) in Russland (Archiv)

    So entstanden Russlands Spezialkräfte der „höflichen Menschen“

    © Sputnik / Alexander Krjaschew
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    Am 24. Oktober wird in Russland der Tag der Spezialeinsatzkräfte begangen – der bekanntlich stärksten und effizientesten Kräfte des russischen Militärs. Wie entstand diese Truppengattung und welche Aufgaben erfüllt sie heutzutage?

    Der Tag der Spezialkräfte gilt in Russland schon seit zwölf Jahren als offizieller Feiertag. Dabei werden die Kräfte gefeiert, die bis dahin immer eher im Schatten gestanden hatten. Selbst der Begriff „Spezialkräfte“ stand unter Geheimhaltung, und Moskaus „verhassten Freunde“ ahnten nicht einmal, dass es in der Sowjetunion eine solche Truppengattung gab.

    Kampf gegen nukleare Gefahr

    Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in allen Ländern der Anti-Hitler-Koalition die Aufklärungs- bzw. Diversionsabteilungen aufgelöst. Aber schon in den späten 1940er-Jahren spannten sich die Beziehungen zwischen den einstigen Alliierten an. Die Amerikaner zeigten mit dem Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki ganz deutlich, dass die Epoche des „nuklearen Diktats“ begonnen hatte und dass gerade Washington allen anderen diktieren würde, was sie zu tun haben. Zu diesem Zweck entwickelten die USA spezielle Programme zum Einsatz von taktischen Atomwaffen. Während bodengestützte Raketenstartanlagen relativ leicht entdeckt und vernichtet werden konnten, waren mobile Startanlagen wirklich gefährlich. Angesichts dessen musste sich Moskau dringend etwas einfallen lassen.

    Deshalb wurden auf Verfügung des sowjetischen Verteidigungsministeriums  vom 24. Oktober 1950 bei den allgemeinen und mechanisierten Armeen, bei der Luftlandearmee sowie in den Militärbezirken, die keine Armeen hatten, insgesamt 46 Spezialeinsatzkompanien gebildet. Mit dem Kommando wurde die 2. Hauptverwaltung des Generalstabs beauftragt.

    Eine der wichtigsten Aufgaben der neuen Kräfte bestand in der Entdeckung und Vernichtung von operativ-taktischen nuklearen Angriffsmitteln. Zudem wurden die Spezialkräfte mit der Sonderaufklärung der Situation in Gebieten beauftragt, wo Stäbe, Kommunikationsstellen und beträchtliche Kräfte des Gegners lagen. Und schließlich sollten sich die Spezialkräfte mit der Ausbildung von Reserven zwecks Bildung von Aufklärungs- bzw. Diversions- sowie von Partisanenabteilungen im Hinterland des Gegners befassen – für den Fall eines Angriffs auf die Sowjetunion.

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    Marschall Schukows Beitrag

    1953 wurde die Zahl der Spezialeinsatzkompanien auf nur zwölf reduziert.

    Angesichts der personellen Struktur einer einzelnen Kompanie war eine vollwertige Kampfvorbereitung so gut wie unmöglich, weil die Soldaten nicht nur den unmittelbaren Wehrdienst, sondern auch viele Arbeitsdienste leisten mussten. Deshalb wandte sich der Leiter des operativen Aufklärungsdienstes, Generalmajor Grigori Scherstnew, an den Verteidigungsminister Georgi Schukow mit der Initiative zur Bildung von drei Bataillonen auf Basis der zwölf Kompanien. Marschall Schukow verstand die große Bedeutung der Aufklärungskräfte und verfügte die Bildung von sogar fünf selbstständigen Bataillonen, wobei auch drei selbstständige Kompanien weiter bestehen sollten. Außerdem sah er ein, dass Teilnehmer des Großen Vaterländischen Krieges allmählich die Reihen der Armee verlassen würden, wobei die Spezialkräfte speziell ausgebildet werden mussten. Deshalb beschloss Schukow, eine zweite Schule der Luftlandekräfte in Tambow zu bilden, wo Offiziere für die Spezialkräfte ausgebildet werden sollten.

    Diese Entscheidung hat Schukow jedoch sein Amt gekostet: Die Führung der KPdSU fürchtete die Initiative des angesehenen und einflussreichen Marschalls und warf ihm Pläne für einen Machtsturz vor.

    Zum Glück wurden die Spezialkräfte trotzdem gebildet: in der Truppengruppe Nord, in der  Gruppe der Sowjetischen Streitkräfte in Deutschland sowie in den Militärbezirken Transkarpatien, Transkaukasien und Turkestan.

    Angesichts der Anspannung der internationalen Situation Anfang der 1960er-Jahre wandten sich viele Veteranen der Partisanenbewegung an das ZK der KPdSU mit einem Brief, in dem sie für die Bildung von Abteilungen plädierten, auf deren Basis im Falle eines Krieges Partisanenabteilungen zwecks Aktivitäten im gegnerischen Hinterland schnellstmöglich gebildet werden könnten. Letztendlich verabschiedete das ZK den Beschluss 338 „Zur Kaderausbildung und zur Entwicklung von Spezialtechnik zwecks Organisation und Ausrüstung von Partisanenabteilungen“. Das Verteidigungsministerium organisierte seinerseits Übungen, in deren Rahmen in jedem Militärbezirk aus Reservisten Brigaden gebildet wurden (insgesamt 1700 Mann), die einen Monat lang Aufklärungs- bzw. Diversionseinsätze im gegnerischen Hinterland übten. Die Ergebnisse der Übung wurden positiv bewertet, und am 19. Juli 1962 erschien der Befehl Nr. 140547 des Generalstabs, dem zufolge die Befehlshaber der entsprechenden Militärbezirke beauftragt wurden, einzelne Spezialeinsatzbrigaden zu bilden. Zudem sollten laut einem Befehl des Generalstabs acht selbstständige Spezialeinsatzkompanien gebildet werden.

    Einmalige Technik

    Anfang der 1960er-Jahre begann die Etablierung der Spezialaufklärungskräfte als eine besondere Art der operativen Aufklärung. Dieser Prozess dauerte bis 1968.

    Alle Spezialeinsatzabteilungen wurden mit Sondertechnik und Mitteln aus der Hauptaufklärungsverwaltung (russ. Abk.: GRU) des Generalstabs versorgt. Unter anderem waren das mobile UKW-Funkstationen mit einer Reichweite von Tausenden Kilometer, damit Diversanten im gegnerischen Hinterland mit dem Zentrum kommunizieren könnten. Zudem verfügten die Spezialkräfte über besondere lenkbare Fallschirme (PSN-66, PSN-71).

    Da die Spezialkräfte mit einmaliger Technik versorgt wurden, mussten ihre Kommandeure besondere Kenntnisse haben. Also mussten sie speziell ausgebildet werden. Deshalb begann 1968 bei der Kommandoschule der Luftlandekräfte in Rjasan die Bildung der 9. Kursantenkompanie, deren Angehörige ein außergewöhnliches Ausbildungsprogramm absolvieren mussten. Dadurch wurde das Ausbildungsniveau der Spezialkräfte wesentlich aufgestockt. Die Hauptaufklärungsverwaltung betreute quasi die Ausbildung der Kursanten, und ihre Abschlussprüfungen nahm eine spezielle GRU-Kommission ab.

    Legendärer Einsatz in Afghanistan

    Was die Einsätze der sowjetischen Spezialkräfte angeht, so gab es tatsächlich nicht so viele, an denen sie sich beteiligten. Während des so genannten „Prager Frühlings“ 1968 wurden drei Spezialeinsatzgruppen in die Tschechoslowakei geschickt, die mit der Festnahme der „Rebellenregierung“ von Alexander Dubček und anderen „besonderen Aufgaben“ beauftragt wurde.

    Zu einer richtigen „Feuertaufe“ wurde für die sowjetischen Spezialtruppen der Einsatz in Afghanistan, wo die Volksdemokratische Partei mit Nur Muhammad Taraki an der Spitze nach der April-Revolution 1978 an die Macht kam. Ursprünglich war der Kurs der neuen Regierung prosowjetisch, aber die zahlreichen Auseinandersetzungen innerhalb der Partei führten dazu, dass Taraki getötet wurde und sein nächster Mitkämpfer, Hafizullah Amin, die Macht übernahm. Dieser verheimlichte den Tod Tarakis vor der sowjetischen Führung und wandte sich ständig an Moskau mit den Bitten, sowjetische Truppen nach Afghanistan einzuführen, um sein Regime zu unterstützen. Zuindest sollte nach seinen Worten ein Bataillon von Luftlandesoldaten geschickt werden, die seine persönlichen Leibwächter werden sollten.

    Angesichts dessen wurde im Sommer 1979 ein solches Bataillon auch gebildet. Es bestand aus Soldaten tadschikischer, usbekischer und turkmenischer Nationalität und bekam eben den Namen „muslimisches Bataillon“. Der wichtigste Unterschied dieses Bataillons bestand darin, dass ihm Kriegstechnik zur Verfügung gestellt wurde: Schützenpanzerwagen BMP-1, BMD-1 usw. Das Personal des Bataillons ähnelte dem eines motorisierten Schützenbataillons. Deshalb wurde es aus Soldaten aus Panzer- und motorisierten Schützendivisionen des Turkmenischen  und des Mittelasiatischen Militärbezirks zusammengesetzt.  Aber nicht nur seine Zusammensetzung war einmalig, sondern auch sein Programm für die Kampfausbildung: Es spezialisierte sich auf Sturmaktionen.

    Mitte Dezember 1979 wurde das Bataillon nach Bagram gebracht, und von dort aus erreichte es selbstständig Kabul. Dort wurden die sowjetischen Spezialkräfte dem Brigadekommandeur der Wache des Palastes Tadsch-Bek (Amins Residenz) unterstellt. Der Palast selbst wurde von einer persönlichen Wachkompanie geschützt, die aus Verwandten Amins bestand. Um den Palast befanden sich Abteilungen der Brigade (insgesamt 3000 Mann). Neben dem „muslimischen Bataillon“ wurden nach Afghanistan auch Spezialkräfte des KGB verlegt. In einem gewissen Moment wurde den sowjetischen Kräften die Aufgabe gestellt, einen Plan zum Sturm des Palastes zu entwickeln und Amin zu vernichten. Dieser Plan wurde am 27. Dezember umgesetzt. Der Einsatz dauerte nur 50 Minuten, wobei nur je fünf Soldaten des „muslimischen Bataillons“ und der KGB-Spezialabteilung ums Leben kamen. Dieser Einsatz gilt immer noch als musterhaft für alle Spezialkräfte der Welt.

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    Nach dem erfolgreichen Afghanistan-Einsatz kehrte das „muslimische Bataillon“ in die Sowjetunion zurück und wurde der 15. Brigade angeschlossen. So begann die „afghanische Sage“ der Spezialkräfte. In der Anfangsphase handelte in Afghanistan die 459. Kompanie, die den Spitznamen „Kabul-Kompanie“ bekam. Ihr Vorgehen wurde als effizient eingeschätzt, und dann wurden nach Afghanistan noch zwei Abteilungen eingeführt, dann 1984 weitere zwei und 1985 noch drei.

    Die sowjetischen Spezialkräfte waren am Hindukusch für die Blockade von Karawanenwegen und für das Abfangen von Waffen, Munition und anderen materiellen bzw. technischen Gütern zuständig, die nach Afghanistan aus Pakistan und dem Iran befördert wurden.

    Und heute in Syrien

    Als 1985 Michail Gorbatschow an die Macht in der Sowjetunion kam, wurden die Kriegshandlungen am Hindukusch allmählich weniger intensiv geführt, und im Februar 1989 wurden die sowjetischen Truppen aus Afghanistan endgültig abgezogen. In der Sowjetunion begannen aber gleichzeitig Prozesse, die wenig später zum Zerfall des Landes geführt haben. Landesweit – von Mittelasien und Transkaukasien 1989 bis zu Tschetschenien und dem Nordkaukasus Anfang der 2000er – brachen Konflikte zwischen Vertretern verschiedener Nationalitäten bzw. Völkerschaften aus. Und zwischen 1999 bis 2001 waren die russischen Spezialkräfte in Jugoslawien aktiv.

    Dabei beschränkte sich die Rolle der Spezialkräfte in allen erwähnten Konflikten nicht nur auf die unmittelbare Beteiligung. Überall erfüllten sie enorm schwere und verantwortungsvolle Aufgaben. So standen die Spezialkräfte in Tadschikistan am Anfang der Volksfront Tadschikistans und organisierten den Widerstand  gegen islamistische Banden. Das Ende des Bürgerkrieges in diesem Land ist im Grunde den russischen Spezialkräften zu verdanken, und die Kandidatur Emomali Rachmons für die Präsidentschaft wurde gerade mit dem Kommando der Spezialkräfte abgesprochen.

    Und im russischen Nordkaukasus waren die Spezialkräfte mit der Vernichtung bzw. Festnahme der bekanntesten und gefährlichsten Feldkommandeure befasst: Salman Radujew, Schirwani Bassajew, Ruslan Gelajew usw.

    Und die Ereignisse im Frühjahr 2014 erforderten von den russischen Spezialkräften eine besondere „Kunst“: Nur mithilfe der so genannten „höflichen Menschen“ von der GRU konnte auf der Krim ein Volksentscheid organisiert werden, nach dem die Wiedervereinigung der bis dahin ukrainischen Halbinsel mit Russland möglich wurde.

    Aktuell erfüllen die russischen Spezialkräfte diverse Aufgaben zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus in Syrien: Ohne ihre Hilfe wären die erfolgreichen hochpräzisen Luftschläge der russischen Fliegerkräfte gegen Objekte der IS-Terroristen so gut wie unmöglich gewesen.

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    Tags:
    Aufklärung, Feiertag, Sondereinheiten, Kampf, Einsatz, Atomwaffen, Georgi Schukow, UdSSR, Russland