22:32 19 November 2018
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    Sprudelnde Quellen? Russland bohrt vergeblich nach Öl

    © AP Photo / Gerald Herbert, File
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    Nesawissimaja Gaseta
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    Geologen warnen, dass Russland bis zu 40 Prozent der jährlichen Ölfördermenge verlieren kann. Das schreibt die Zeitung „Nesawissimaja Gaseta“ am Donnerstag.

    Die russischen Behörden wollen einen massiven Rückgang der Ölförderung verhindern. Diese Hoffnungen sind mit den Vorräten der so genannten Baschenow-Formation verbunden, deren Förderung bedeutende Finanzmittel erfordert. Allerdings ist Skepsis angebracht, denn dort könnte es weniger Öl geben als erwartet. Außerdem könnte die Förderung verlustbringend sein. Russische Geologen warnen, dass Russland bis zu 40 Prozent seiner jährlichen Ölfördermenge verlieren kann.

    Die russische Regierung erörtert derzeit die Gefahr eines Rückganges der jährlichen Ölförderung bis zum Jahr 2035 – von derzeitigen 590 Millionen Tonnen auf 410 bis 420 Millionen Tonnen – wegen der zu Neige gehenden Vorkommen in Westsibirien, wie der „Rosgeologija“-Chef Roman Panow am Mittwoch berichtete. Wenn keine Maßnahmen zum Wiederaufbau der Mineral- und Rohstoffbasis ergriffen werden, könnte Russland bis 2035 bis zu 40 Prozent der jährlichen Fördermenge verlieren.

    Bis 2035 könnte Russland die Gewinnung der schwer zugänglichen Ölvorräte von aktuell 38 Millionen Tonnen auf 80 Millionen Tonnen ausbauen, wie das Energieministerium berichtet. Große Hoffnungen werden auf die Baschenow-Formation gelegt – ein ambitioniertes Projekt der russischen Behörden, die dort hochwertiges Schieferöl gewinnen wollen. Die von verschiedenen Behörden getätigten Einschätzungen zum Umfang der dortigen Lagerstätten gehen jedoch weit auseinander, was schon jetzt Zweifel an der Umsetzung dieser Pläne aufkommen lässt. Experten zeigen sich bereits enttäuscht vom Projekt. Doch die Regierung ist bereit, solche Entwicklungen unter anderem mit finanziellen Ermäßigungen zu unterstützen. „Die prognostizierte Ressource der Baschenow-Formation liegt bei rund zehn Milliarden Tonnen“, hieß es beim Ministerium für Naturressourcen.

    „Nach vorläufigen Einschätzungen des Ministeriums für Naturressourcen können die förderbaren Ressourcen der Baschenow-Formation bei 18 bis 60 Milliarden Tonnen liegen“, teilte das Energieministerium mit.

    Nach optimistischen Einschätzungen können die Ölvorräte der Baschenow-Formation allein in Westsibirien 100 bis 170 Milliarden Tonnen ausmachen.

    Gazpromneft befasst sich derzeit mit der Suche nach effektiven russischen Technologien zur Förderung schwer förderbarer Ölvorkommen. Angesichts der Sanktionen ist diese Frage sehr aktuell. Die Firma will diese Technologien in einem Abschnitt der Baschenow-Formation testen.

    „Die Förderung schwer förderbarer Vorräte in Russland erfordert große Investitionen und die Entwicklung neuer einzigartiger Technologien, die noch nie zuvor in der Welt eingesetzt wurden“, hieß es im Energieministerium. „Zur Erleichterung der Arbeit und Heranziehung von Investitionen entwickelte das Energieministerium einige Maßnahmen zur Unterstützung der schwer förderbaren Vorräte: Ermäßigungen für Vorräte mit verschiedenem Durchlässigkeitswert sowie Mehreinnahmesteuer, die die realen Wirtschaftskennzahlen der Förderung berücksichtigen werden“.

    Zudem beschloss das Energieministerium staatliche Unterstützungsmaßnahmen zur Förderung schwer zugänglicher Vorkommen. Bei den Abschnitten mit schwer förderbaren Vorräten könnten niedrigere Steuersätze angewandt werden. Die Besonderheit der Baschenow-Formation sei die hohe Konzentration von hochwertigem Öl (Sorte Brent), hieß es im Energieministerium.

    Einige Experten betonen allerdings, dass die Geologen bei ihren Einschätzungen falsch liegen könnten. Eine 100-prozentige Prognose sei nicht möglich, sagte der Wirtschaftsberater von Otrkytije Broker, Sergej Chestanow. Als Beispiel wurde die Baschenow-Formation angeführt. Es seien Pläne und Lizenzen beschafft worden, doch das Ergebnis falle eher betrüblich aus – die Förderung laufe zwar, doch sei die Fördermenge deutlich niedriger als kalkuliert. Der Selbstkostenpreis sei deutlich höher als erwartet, so der Experte.

    „Jedes Vorkommen der Baschenow-Formation ist sehr individuell und erfordert separate Herangehensweisen, was mit der ungleichmäßigen Verteilung der Ölvorräte verbunden ist“, sagte Tamara Safonowa von der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und staatlichen Dienst.

    „Heute gibt es keine universellen Technologien, die in allen Abschnitten der Formation eingesetzt werden können. Die kostspielige Erschließung schwer zugänglicher Vorkommen können sich nur die größten vertikal integrierten Unternehmen in Russland leisten. Die von ihnen erhaltenen Forschungsergebnisse bezüglich der Baschenow-Formation werden nicht vollständig offengelegt“, so die Expertin.

    „Viele Unternehmen versuchen, mit der Baschenow-Formation anzufangen. Doch bislang ist es zu früh, von einem industriellen Umfang zu sprechen“, sagte die Energieexpertin des Forschungs- und Innovationszentrums Skolkovo, Jekaterina Gruschewenko. „Das Tempo der Entwicklung wird vom Ölpreis beeinflusst. Der Selbstkostenpreis der Förderung von schwer zugänglichen Ölvorkommen ist deutlich höher. Es ist nicht rentabel, solch ein Öl bei niedrigen Ölpreisen zu gewinnen. Investoren müssen verstehen, dass der Ölpreis während der Umsetzung des Projektes nicht unter ein bestimmtes Niveau rutschen darf, um vernünftige Revalierungsfristen einzuhalten und eine akzeptable Rentabilität aufrechtzuerhalten“, sagte Anna Kokorewa von der Firma Alpari.

    Der Exekutivdirektor des Projekts „Baschen“, Kirill Strischnew, sagte im Frühjahr: „Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir 18 Bohrlöcher gebohrt. Zwei von ihnen mit einer horizontalen Länge von 1000 Metern. Deren Förderumfang im Laufe von 1,5 Jahren lag bereits bei 15.000 beziehungsweise 5000 Tonnen. Sechs Bohrlöcher mit einer horizontalen Länge von 300 bis 600 Metern, die 2017 gebohrt wurden, verzeichneten eine industriell verwertbare Menge. 2018 sollen zehn weitere horizontale Ölbohrungen vorgenommen werden. Bis 2025 sollen Technologien gefunden werden, die eine Ölförderung von rund 35.000 Tonnen pro Loch und einen spezifischen Bohrpreis von 8500 Rubel pro Tonne gewonnenem Öl gewährleisten“.

    „Wenn diese Aufgaben gelöst werden, kann das Unternehmen mit einer vollwertigen Entwicklung beginnen. Leider hat es ohne bewährte Technologien und bei geringer Rentabilität keinen Sinn, sich damit zu befassen“, so Kokorewa.

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    Tags:
    Preis, Erdöl, Ölpreis, Öl, Skolkowo, Rosgeologija, Russland