09:38 17 November 2018
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    Feuerwehrleute und Ärzte beim Unfall in der U-Bahn-Station „Repubblica – Teatro dell’Opera“ im Zentrum Roms

    U-Bahn-Havarie in Rom: Dämonisierung Russlands geht unter die Erde

    © REUTERS / Yara Nardi
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    „Die Russen sind schuld!“ Im Westen gilt diese Maxime mittlerweile nicht nur im Kontext der angeblichen russischen Einmischung in die Wahlen anderer Länder. Nun werden die Russen auch für rein technische Havarien im Ausland verantwortlich gemacht – wie für den neulichen Vorfall in Roms U-Bahn.

    Im Internet lassen sich viele Memes dieser Art finden: Ein Hund sitzt vor einem umgefallenen Weihnachtsbaum und darunter steht geschrieben: „Russians did it“ – also „Die Russen haben’s gemacht“. Das Denkniveau vieler europäischer Politiker – selbst in Ländern, wo angeblich „prorussische“ Kräfte an die Macht gekommen sind – ist leider sehr ähnlich.

    Am 23. Oktober ereignete sich in der U-Bahn-Station „Repubblica – Teatro dell’Opera“ im Zentrum von Rom ein Unfall: Eine Rolltreppe stürzte ein. Mehr als 30 Menschen zogen sich diverse Verletzungen zu. Ganz zufällig waren es überwiegend Fans des russischen Fußballvereins ZSKA Moskau, der an jenem Tag in der Champions League auf den AS Rom traf.

    Ein ähnlicher Unfall hatte sich übrigens 1982 in der Moskauer U-Bahn-Station „Awiamotornaja“ ereignet: Damals kamen acht Menschen ums Leben, mehr als 30 weitere wurden verletzt. Die Havarie ließ sich auf einen Konstruktionsfehler der damals neuen Bremsmechanismen und auf deren falsche technische Wartung zurückführen. Nach ihrer Vervollkommnung gab es in Moskau keine Unglücke dieser Art mehr. 

    Auch in Rom gab es 2005 eine ähnliche Tragödie, bei der in der U-Bahn-Station „Tiburtina“ eine Rolltreppe einstürzte. Dabei verlor die britische Soziologin Sally Baldwin von der Universität York ihr Leben. Zudem zogen sich zwei Männer Verletzungen zu. Damals kam niemand auf die Idee, zu behaupten, Baldwin wäre „selbst schuld“ gewesen.

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    Jetzt wurden aber sofort die russischen Fußballfans als Schuldige an den Pranger gestellt. Der italienische Innenminister, Matteo Salvini, äußerte, die Havarie wäre passiert, „weil Dutzende betrunkene Pseudo-Fans (auf der Rolltreppe) gesprungen“ wären. Die Bürgermeisterin der italienischen Hauptstadt, Virginia Raggi, war nicht so kategorisch, schloss aber auch nicht aus, dass die Fans selbst den Unfall provoziert hätten, indem sie auf der Rolltreppe „sprangen und tanzten“. Allerdings betonte sie, dass die Ursachen des Unfalls gründlich analysiert werden müssten.

    An dieser Stelle ist erwähnenswert, dass in Russland im vergangenen Sommer die Fußball-WM stattgefunden hat. In der Moskauer U-Bahn tummelten sich viele betrunkene Fans, die dort überall sprangen und tanzten – auch auf Rolltreppen. Doch es wurde dabei kein einziger Zwischenfall registriert.

    Der grundsätzliche Unterschied besteht in der technischen Wartung von Rolltreppen in der Moskauer U-Bahn: Sie werden regelmäßig repariert oder ersetzt, wenn’s sein muss. In Rom ist die Lage offenbar viel schlechter. Denn die städtische Nahverkehrsgesellschaft Atac, die die U-Bahn betreibt, ist insolvent und ihre Schulden belaufen sich auf mehr als 1,3 Milliarden Euro.

    „Das städtische Verkehrsnetz ist krank. Es leidet unter den permanenten Streiks; die Beschäftigten kommen zu spät zur Arbeit, die Busse sind veraltet – sie können sogar mitten auf der Straße in Flammen aufgehen“, zitierte der russische TV-Sender „360°“ italienische Medien. Und ein Passagier, der jeden Tag die U-Bahnstation nutzt, sagte der „Corriere della Sera“, dass sich die eingestürzte Rolltreppe schon seit längerer Zeit „im Havariezustand“ befunden hätte.

    Der Chef der für die technische Wartung der U-Bahn-Technik in Moskau zuständigen Firma „Metrogiptrans“, Nikolai Schumakow, zeigte sich überzeugt, dass „alle Systeme und Elemente der Rolltreppen jeder Belastung standhalten müssen, egal ob die Menschen laufen, stehen oder springen“. In Moskau sei das so, versicherte er. „Mehr noch: Rolltreppen müssen normal betrieben werden. Wenn Techniker diese Maschinen nicht überprüfen, sind Kettenabrisse und viele andere Havarien durchaus möglich“, so der Experte.

    Deshalb ist die Version „Die Russen haben’s gemacht“ absolut untauglich. Zumal viele Videos im Internet und Aussagen von Augenzeugen die Behauptungen Salvinis und Raggis widerlegen.

    Es ist ja nicht zu vergessen, dass Fußball nicht nur in Moskau und Rom gespielt wird – und dass es nicht nur in diesen zwei Metropolen eine U-Bahn gibt. Und wenn ausgerechnet „Pseudo-Fans“ die Rolltreppe kaputtmachen könnten, dann hätten sie das schon längst getan.

    Wir können nur hoffen, dass die italienischen Rechtsschutzorgane die Situation untersuchen und herausfinden werden, wer an der Havarie in der Römischen U-Bahn wirklich schuld ist. Es stellt sich aber die Frage: Warum versucht man in Europa immer wieder, die Russen für die vielen Probleme in der Alten Welt verantwortlich zu machen? In Griechenland griffen mehrere Fußballfans russische Reporter an, was absolut unerhört war. Da wurde gesagt, die Russen wären „selber schuld“ gewesen. In Spanien attackierten die dortigen Rebellen eine Gruppe von Fans des FC Spartak Moskau, und ein Polizist erlag einem Herzinfarkt. Aber auch dann wurde gesagt, die Russen wären schuld gewesen – und Spartak Moskau wurde eine beträchtliche Geldstrafe aufgebrummt.

    Und über die Behauptungen, die Russen würden immer wieder versuchen, „sich in Wahlen einzumischen“, „Hackerangriffe zu begehen“ (wobei niemand zu Schaden gekommen ist, wohlgemerkt) oder „U-Boote zu uns zu schicken“ (solche Behauptungen sind eine Art Hobby vieler schwedischer Politiker), müssen wir erst gar nicht reden.

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    Es genügt bereits, dass sich jemand mit russischem Namen in der Nähe eines Unfallsorts befindet – fast garantiert wird der Unfall „den Russen“ vorgeworfen werden. Und das europäische Publikum nimmt diese Version gerne an.

    Dabei ist übrigens völlig unwichtig, in welchem Land dieser oder jener Unfall passiert und welche Kräfte dort an der Macht stehen. Die jetzigen Behörden in Rom gelten immerhin als „Putins Freunde“. Mehr noch: Premier Giuseppe Conte weilt dieser Tage in Moskau. Und der russische Präsident, Wladimir Putin, ließ „der Bürgermeisterin Roms und dem medizinischen Personal, die den russischen Fußballfans Hilfe leisten, Worte der Dankbarkeit ausrichten“.

    Bei dieser Dankbarkeit geht es natürlich vor allem um Diplomatie, denn die verletzten Fans mussten nach ihren Worten etwa eine halbe Stunde auf die Ärzte warten – und das mitten in einer europäischen Hauptstadt!

    Und es stellt sich noch eine Frage: Was wäre, wenn sich nicht russische, sondern irgendwelche anderen Fußballfans verletzt hätten? Hätten die italienischen Ärzte schneller reagiert?

    Vorerst wirken die Versuche, jedes Problem auf angebliche „russische Spuren“ zurückzuführen, eher gegen die Europäer selbst und nicht gegen die Russen.

    Anstatt die realen Gründe zu analysieren, die zur Niederlage Hillary Clintons bei der US-Präsidentschaftswahl 2016, zum Brexit, zum andauernden Unabhängigkeitskampf Kataloniens oder auch zur Flüchtlingskrise geführt haben, behaupten europäische Politiker und Analysten stur: „Die Russen haben das getan, die Russen sind schuld!“

    Aber ihre wahren Probleme werden sich deswegen nicht in Luft auflösen. Und mit Russland müssen die Europäer unter allen Umständen verhandeln. Immerhin ist das Land seit dem 18. Jahrhundert ein unentbehrliches Element der europäischen Politik, Wirtschaft, Sicherheit, Kultur usw.

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    Tags:
    Havarie, Wahleinmischung, Flüchtlinge, Vorwürfe, U-Bahn, Unfall, Brexit, Giuseppe Conte, Matteo Salvini, Wladimir Putin, Westen, Rom, Italien, Russland