21:15 18 November 2018
SNA Radio
    Russlands Zentralbank (Archiv)

    Verblüffend: Reaktionen von Russlands Zentralbank auf Schocks

    © Sputnik / Ewgenij Bijatow
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Expert
    31211

    Jeder vierte Beschluss der russischen Zentralbank erweist sich als Überraschung für die Märkte und Wirtschaftsexperten. Zu diesem Schluss kam das Zentrum für makroökonomische Analyse der Sberbank anhand von statistischen Angaben des Internationalen Währungsfonds.

    Analysten kommen zu dem Schluss, dass die russische Zentralbank die größte Unvorhersehbarkeit unter den Zentralbanken der 22 wichtigsten Wirtschaftsländer hat, berichtet das Nachrichtenportal “Finanz”.

    Laut Forschern gingen in den vergangenen acht Jahren 27 Prozent der Beschlüsse der Zentralbank mit den Erwartungen des Marktes auseinander. Das ist um das 1,5-fache mehr als bei der brasilianischen Zentralbank, die ebenfalls eine hohe Unvorhersehbarkeit hat.  Bei den Zentralbanken der Türkei und Indiens führten 13 Prozent der Sitzungen zu unerwarteten Entscheidungen, bei den Zentralbanken Mexikos und Thailands – zehn bzw. neun Prozent.

    US-Dollar (Symbolbild)
    © REUTERS / Lee Jae-Won/File Photo
    Es ist leicht zu erkennen, dass vor allem die Zentralbanken der Schwellenländer immer wieder für Überraschungen sorgen. Die Sberbank bestätigt das. Die Zentralbanken der Industrieländer verhalten sich sehr voraussagbar. Bei der Fed wurde innerhalb dieser acht Jahre keine einzige Maßnahme gefunden, von der der Markt nicht im Voraus gewusst hatte. Der Anteil der unerwarteten Beschlüsse bei der Bank of England liegt bei nur einem Prozent, bei Kanada sind es drei Prozent.

    Die letzte Überraschung von der russischen Zentralbank  – die Erhöhung des Leitzinses  in ihrer Sitzung am 26. September. Drei Viertel der Wirtschaftsexperten meinten, dass der Leitzins unverändert bleibe, allerdings wurde er von 7,25 auf 7,5 Prozent angehoben, wobei dieser Beschluss mit dem Inflationsrisiko und der Zuspitzung der geopolitischen Lage erklärt wurde. Dieser Schritt ist auch von positiver Bedeutung für den Rubel.

    Zick-Zack-Kurs

    Laut Georgi Waschtschenko vom Investitionsunternehmen „Freedom Finance“ hat diese Studie allerdings keinen großen wissenschaftlicher Wert.  Die Behauptung, dass die Fed in den vergangenen acht Jahren keinen einzigen Schritt unternommen habe, von dem der Markt nicht im Voraus gewusst hätte, sei absolut falsch. Die Meinungen der Expertenkreise (das ist bei weitem nicht der ganze Markt) sind nahezu nie einhellig.

    Im Ganzen sei von der Fed seit langem die Erhöhung des Zinssatzes zum Trend erklärt, so der Experte. Deswegen sei es logisch, dass die meisten Expertenprognosen mit den Fed-Beschlüssen übereinstimmen würden. Viel schwieriger sei es, ein konkretes Datum für die Anhebung zu prognostizieren, weil der Beschluss mehr oder weniger gleichmäßig sein solle.

    Dabei führen die Handlungen der US-Administration und Fed – Handelskriege, Erhöhung der Zinssätze — zur Volatilität der Märkte und Nationalwährungen, wobei der Geldmarkt ins Wanken gebracht wird, und Banken manchmal unvorhersehbar reagieren. Das jüngste Beispiel ist die Türkei.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Sprudelnde Quellen? Russland bohrt vergeblich nach Öl

    Die Politik der russischen Zentralbank könne nicht als chaotisch bezeichnet werden, so Waschtschenko. Sie sei ziemlich klar. „Ich habe übrigens die Erhöhung des Leitzinses in der letzten Sitzung erwartet“, so der Analyst.

    Die Zentralbank versucht vorsichtig zwischen Entscheidungen zu wählen, die zu einem Aufblasen des Geldmarktes und zu einem spekulativen übermäßigen erstarken des Rubels führen werden. Der Grund liegt in den Besonderheiten der nationalen Wirtschaft. In Russland wächst seit einigen Jahren die Geldmasse schneller als das BIP. Dabei wächst der reale Sektor in vielerlei Hinsicht wegen Exports und Nebenbranchen. Trotz Bemühungen der Regierung fließt das Geld nicht in den realen Sektor. Investitionen in die Produktion werden auch wegen des niedrigen Leitzinses und der niedrigen Inflation nicht vorangebracht.

    Mit Beschlüssen der Zentralbank hängt auch die Haushaltspolitik des Finanzministeriums zusammen. Diese beiden Behörden agieren im Duett auf dem Geldmarkt, wie Waschtschenko ergänzte. Wenn die Zentralbank den Leitzins auf einem hohen Niveau hält, muss auch das Finanzministerium dasselbe tun. Das führt zu einem Zustrom von spekulativem Kapital in Rubel-Staatsanleihen und einer Rubel-Stärkung, wie von 2016 bis 2017 zu erkennen war. Dabei wird der reale Sektor von hohen Zinssätzen erstickt. Das BIP-Wachstum wird also gering bleiben und die Geldmasse noch größer werden, was Entwertungsrisiken nach sich zieht.

    Wenn die Zentralbank den Leitzins nach unten auf das Inflationsniveau senkt, werden Spekulanten gegen den Rubel handeln, wobei seine Schwächung und ein Inflationsausbruch erwartet werden. Zudem wird es zu einem Kapitalabfluss kommen, weil es für Investoren keinen Sinn hat, in die Rubel-Instrumente mit einer Rentabilität von fünf bis sechs Prozent zu investieren, während die Rentabilität der Dollar-Instrumente bei vier Prozent liegt. Bei diesem Szenario entsteht eine Gegensituation, die ebenfalls Entwertungsrisiken schafft. Die Aufgabe der Zentralbank sei es, dazwischen zu balancieren. „Die Spanne der Leitzinsen, bei der die Inflationsrisiken nicht steigen, ist meines Erachtens sehr klein. Die Zentralbank deutet sie auf ihre Weise, Experten auf ihre. Daraus ergeben sich ungenaue Prognosen bezüglich der Leitzinsen“, so der Experte.

    Keine Ruhe

    Der Experte Alexander Schustow bezeichnet die Einschätzung der Sberbank-Analysten als berechtigt und ausgewogen. Allerdings kann man kaum sagen, dass die Zentralbank etwas falsch macht, denn die fehlende Unvorhersehbarkeit ist eher eine erzwungene Strategie, die mit äußeren Umständen zusammenhängt. Sie ändert sich dynamisch je nach der Wirtschaftssituation im Lande.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Deutsche Bundesregierung prüft Finanzierung von LNG-Terminal

    Die USA, Großbritannien, europäische Länder sind die Länder mit einer entwickelten Wirtschaft, fast alle Handlungen der Zentralbanken sind im Voraus bekannt, weil dort keine äußeren Risiken vorhanden sind, wegen denen man die Geldpolitik zur Verhinderung einer Destabilisierung des Systems ändern muss.

    Russland ist seit mehr als vier Jahren ein Land mit einem sehr anfälligen Finanz- und Wirtschaftssystem, darunter wegen der Sanktionen der Industrieländer. 2014 war wohl das Verhalten der Zentralbank eines der unvoraussagbarsten in der Welt, doch auf der anderen Seite konnten Akteure auf dem Finanzmarkt einen starken Anstieg des Zinssatzes voraussagen, weil Sanktionen kein anderes Verhalten diktierten.

    Im Ganzen kennen die Marktteilnehmer keine andere Situation, weshalb die unvoraussagbare Politik der Zentralbank als selbstverständliche Sache betrachtet werden muss. Denn in Russland ist noch nicht die Zeit gekommen, in der der wirtschaftliche Wohlstand nicht von äußeren und inneren Risiken betroffen wird, so der Experte.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Prognose, Rubel, Handelskriege, Investitionen, Erhöhung, Russlands Zentralbank, Russland