22:52 19 November 2018
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    US-Soldaten während der militärischen Intervention in Grenada (Archiv)

    Kleinkrieg in der Karibik: Wie sich die USA blamiert haben

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    Vor genau 35 Jahren haben die USA ihre militärische Intervention in Grenada begonnen und zum ersten Mal seit dem Vietnamkrieg zu Gewalt auf dem Territorium eines anderen Landes gegriffen.

    Die Invasion führte zu vielen Opfern unter der Zivilbevölkerung und zur Zerstörung der Infrastruktur Grenadas. Als „Entschädigung“ verfügte US-Präsident Ronald Reagan später, 110 Millionen Dollar an die neue, mit Washingtons Zustimmung ernannte Regierung dieses Landes zu zahlen.

    Die Initiative zum Einsatz „Urgent fury“ auf dem Territorium des winzigen Staates in der Karibik stammte von Präsident Reagan höchstpersönlich. Der Grund: Nach dem gescheiterten Vietnamkrieg der späten 1960er- bzw. frühen 1970er-Jahre brauchten die Amerikaner einen „kleinen siegreichen Krieg“. „Wir konnten nicht zulassen, dass das Vietnam-Gespenst ewig über uns schweben und uns bei der Verteidigung unserer legitimen Interessen der nationalen Sicherheit behindern würde“, erläuterte Reagan später in seinen Erinnerungen. „Wir baten niemanden um Erlaubnis und handelten so, wie wir es für nötig hielten.“

    Die Amerikaner ließen sich nämlich den Machtsturz in Grenada am 13. März 1979 nicht gefallen, nach dem linke Kräfte an die Macht gekommen waren. Den autoritären Premier Eric Gairy löste Maurice Bishop, der Führer der New Jewel Movement (NJM) ab, der sich nach den Ideen des Marxismus-Leninismus richtete.

    Dieser Funktionär konnte als durchaus gemäßigter Kommunist bezeichnet werden. Er konnte enge Kontakte mit der Sowjetunion und Kuba anknüpfen, mit Nordkorea kooperieren und einen Dialog mit anderen sozialistischen Ländern beginnen. Dabei blieb Grenada weiterhin Mitglied des British Commonwealth of Nations. Gleichzeitig mit der NJM wirkte auf der Insel der Bevollmächtigte der britischen Königin, Generalgouverneur Paul Scoon. Er nahm Paraden der Volksrevolutionsarmee ab und spielte mit Bishop Tennis.

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    Unter dem neuen Ministerpräsidenten ging in Grenada die Zahl der Arbeitslosen und Analphabeten zurück. Die Einwohner durften jetzt mit kostenloser medizinischer Versorgung rechnen. Auch die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln wurde wesentlich besser. Die Armee des Landes mit 80 000 Einwohnern, die von ausländischen Instrukteuren ausgebildet wurde, etablierte sich als stärkste in der gesamten Karibik, obwohl sie nur 1200 Soldaten zählte. Und insgesamt gehörten etwa 3000 Menschen den bewaffneten Strukturen (Polizei, Küstenwache, Volksheer) an. Sie verfügten über sowjetische Panzerfahrzeuge (Schützenpanzerwagen), Fla-Anlagen, Maschinengewehre sowie Luftabwehrsysteme.

    Die Konfrontation mit den USA erreichte ihren Höhepunkt mit dem Beginn der Bauarbeiten am neuen Flughafen unweit der Hauptstadt St. George’s. Den entsprechenden Auftrag bekam ein britisches Privatunternehmen, und die unmittelbaren Bauarbeiten wurden von Kubanern ausgeführt. Reagan warf Grenada offen den Bau eines sowjetisch-kubanischen Militärstützpunktes vor, der für die USA gefährlich werden könnte. Dabei ignorierte Washington die Beteuerungen der Briten, dies sollte ein ziviler Flughafen werden.

    Zusätzlich spannte sich die Situation nach einer Spaltung in den NJM-Reihen an, wobei der am Dialog mit den USA interessierte Premier Bishop erschossen wurde, wobei an die Machtspitze sein Vize Bernard Coard und der linksradikale Kommandeur der Volksrevolutionsarmee, Hudson Austin, rückten.

    Nach Bishops Ermordung am 21. Oktober wandte sich die Organisation Ostkaribischer Staaten (OECS) an die USA mit dem Aufruf, ihre Friedensstifter auf die Insel zu schicken. Den Aufruf befürwortete auch Generalgouverneur Scoon. Das für die Invasion  nötige Signal war vorhanden – und Washington befasste sich mit der Einsatzplanung.

    An der Invasion nahmen etwa 8000 Soldaten teil, von denen 350 von der OECS (Barbados, Antigua und Barbuda, Dominica,  St. Lucia, St. Vincent und die Grenadinen) delegiert wurden. Den Infanteristen standen elf Schiffe, mehr als 70 Flugzeuge, 30 Hubschrauber und fünf Panzer zur Verfügung.

    Diese Ereignisse führten zu einem Streit zwischen Reagan und der britischen Ministerpräsidentin Margaret Thatcher, die über die Invasion nicht direkt informiert worden war, sondern darüber von ihren Geheimdiensten erfuhr. Thatcher verlangte, den Befehl zur Landung wieder außer Kraft zu setzen, weil Grenada Mitglied des British Commonwealth of Nations war. Der US-Präsident entschuldigte sich bei ihr dafür, dass er sie nicht persönlich angerufen hatte, weigerte sich aber, Thatchers Forderung zu erfüllen.

    Zum offiziellen Vorwand für den Angriff auf die Insel wurde die hypothetische Gefahr für die Sicherheit der mehr als 600 amerikanischen Studenten, die in Grenada studierten.

    Die Invasion begann am 25. Oktober 1983 um 06.00 Uhr morgens. Da die Vorbereitung auf den Einsatz enorm schnell verlaufen war, hatten die US-Militärs keine genauen Landkarten und konnten sich kaum orientieren. Zudem hatten sie auch die Fähigkeiten der Armee Grenadas unterschätzt, und gleich in den ersten Stunden des Konfliktes blamierten sie sich mehrmals. Unter anderem gingen dabei mehrere Hubschrauber (am Ende des Krieges insgesamt neun) verloren.

    Washington hatte anfangs geplant, dass der ganze Einsatz nur vier Stunden dauern würde, um die ganze Welt vor den Fakt zu stellen. Aber am nächsten Tag brauchten die Amerikaner Verstärkung. Die Streitkräfte Grenadas leisteten den Angreifern einen viel heftigeren Widerstand, als diese erwartet hatten. Besonders verbissen waren die Kämpfe in der Umgebung der Hauptstadt und im Gebirge.

    Wegen unpräziser Berechnung setzten die Amerikaner ein psychiatrisches Krankenhaus einem Bombenangriff aus (dabei kamen 47 Patienten und Ärzte ums Leben) und beschossen zufällig die sowjetische Botschaft. Ein Diplomat wurde dabei schwer verletzt. Und als ein Geschoss auf das Gelände eines Kindergartens gefallen war, wurden 17 Kinder getötet.

    Soldaten der OECS waren an der Invasion direkt nicht beteiligt. Laut Augenzeugen verhielten sie sich aber sehr grausam gegenüber den Einwohnern Grenadas.

    Am Ende musste die Armee Grenadas kapitulieren. Auf ihrer Seite kämpften auch etwa 800 Kubaner (überwiegend Bauarbeiter, die auf der Insel gearbeitet hatten). Sie wurden entwaffnet und in einem Lager für Kriegsgefangene interniert. Später wurden sie zwangsweise in ihre Heimat deportiert. 

    Coard und Austin wurden zur Todesstrafe verurteilt, die später durch lebenslange Haft ersetzt wurde. Einfache Einwohner Grenadas begrüßten quasi die Strafe für die „Henker“ des sehr populären Bishop. Allerdings wurden die beiden nach 26 beziehungsweise 25 Jahren wieder freigelassen.

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    Nach dem Abzug der meisten Kräfte blieb in Grenada nur eine geringe Zahl von US-Militärs – auf Bitte der neuen Regierung, die von Washington sehr abhängig war.

    Schon am 29. Oktober setzte Reagan die gegen Grenada verhängten Sanktionen wieder außer Kraft und stellte der neuen Regierung 110 Millionen Dollar als eine Art „Abfindung“ zur Verfügung.

    Laut offiziellen Angaben Washingtons, die am 17. Dezember veröffentlicht wurden, wurden in diesem kurzen Krieg 19 US-Soldaten getötet und weitere 116 verletzt. Die Verluste der Streitkräfte Grenadas waren größer: 45 Tote und 337 Verletzte (hinzu kamen die oben erwähnten Zivilisten).  Ein sehr schwerer Schaden wurde der Infrastruktur zugefügt. Außerdem kamen 24 Kubaner in diesem für sie fremden Krieg ums Leben (49 wurden verletzt).

    Beweise dafür, dass in Grenada schwere Waffen für einen Machtsturz in den Nachbarländern gelagert worden wären, wurden nie entdeckt. Aber die "New York Times" schrieb, dass viele Soldaten mit Einzelladegewehren aus dem Jahr 1870 in der Hand kämpfen mussten. Und der „Guardian“ berichtete, dass in einem Lagerhaus, in dem man nach großen Vorräten moderner Waffen suchte, nur fünf Minenwerfer, eine sowjetische Mehrrohrlafette und zwei alte britische Maschinengewehre aus den Zeiten des Koreakrieges gefunden worden wären.

    Einige Jahre später wurde ein Bericht der US-Nachrichtendienste vom 30. Oktober 1983 veröffentlicht. Diesem zufolge waren diese Waffen für die Armee und die Polizei Grenadas bestimmt, aber nicht für Staatsstreiche in den Nachbarländern.

    Reagans Politik gegenüber Grenada wurde sogar im US-Kongress kritisiert.

    Washingtons Vorgehen verurteilten sowohl sozialistische  Länder um die Sowjetunion und China als auch viele Verbündete der Amerikaner: Großbritannien, Frankreich, Mexiko usw. Große Proteste rief die Invasion in Lateinamerika (außer den Ländern mit Militärdiktatur – Chile, Uruguay und Salvador) hervor. Die UN-Vollversammlung verurteilte am 2. November 1983 die Invasion als grobe Verletzung des Völkerrechts und Angriff auf die Unabhängigkeit und territoriale Einheit Grenadas. Für die entsprechende Resolution stimmten insgesamt 108 Länder, dagegen nur neun: die USA, die anderen Teilnehmer der Intervention sowie Salvador und Israel.

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    Entschädigung, Invasion, Margaret Thatcher, Ronald Reagan, Grenada, Nordkorea, Sowjetunion, Kuba, Karibik, USA