23:09 19 November 2018
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    Übung der russischen Truppen für elektronische KampfführungÜbung der russischen Truppen für elektronische Kampfführung

    Elektro-Kampf: „Samarkand“ transformiert Nato-Armee in Barbaren-Truppe

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    Wenn bei Waffensystemen die Elektronik versagt, hilft wohl nur eins: das Bajonett aufstecken und ab in den Kampf – orientiert wird sich an der Sonne. So könnte das Schlachtfeld der Zukunft aussehen, wenn Russland seine neueste EloKa-Waffe einsetzt: „Samarkand“. Die Nato sieht Gefahr und fürchtet den Verlust eines strategischen Vorteils.

    Kommandozentralen verlieren den Truppenkontakt, die Artillerie erhält keine Zieldaten, die Aufklärer liefern falsche Erkenntnisse an den Stab – das sind nur wenige denkbare Folgen eines Angriffs mit den Mitteln der elektronischen Kampfführung (EloKa).

    „Die elektronische Kampfführung ist heute besonders wichtig, weil im Unterschied zu den Siebziger- und Achtzigerjahren alles digital läuft. Es gibt praktisch keine analogen Systeme mehr. Die Informationsübermittlung, die Ver- und Entschlüsselung – für alles hat man eine Software“, sagt der Fachjournalist und Aufklärungs-IT-Experte Alexander Viktorow.

    Die Nato ist sich dieser Gefahr natürlich bewusst. Im vergangenen Juni hat die nordatlantische Allianz eine neue Luftwaffenstrategie verabschiedet. Darin heißt es, die Nato könnte erstmals seit dem Kalten Krieg ihre Luftüberlegenheit verlieren. Neben ausgefeilten Flugabwehrsystemen werden auch fortschrittliche EloKa-Anlagen als Grund dafür genannt.

    Bei der russischen Armee heißt eine solche Anlage „Samarkand“, eine streng geheime Neuentwicklung im Bereich der EloKa. Bekannt ist nur, dass das russische Verteidigungsministerium mehrere dieser Systeme russlandweit stationiert hat – auch in Kaliningrad und im benachbarten Weißrussland. Bis Oktober kommenden Jahres sollen alle „Samarkand“-Systeme soweit aufgebaut und in die bestehenden Strukturen eingebunden sein, dass sie gefechtsbereit sind.

    Die westliche Ausrichtung ist für Russland eine Sache der Landesverteidigung: „Dass die ‚Samarkand‘-Systeme auch in Kaliningrad und in Weißrussland stationiert wurden, hat seinen Grund“, erklärt Experte Viktorow. „Weil westliche Aufklärungsflugzeuge – bemannte und unbemannte – in letzter Zeit in direkter Nähe der russischen Grenzen fliegen und allerhand telemetrische Informationen sammeln: über Flugplätze, Flugabwehrstellungen – überhaupt alle Informationen, die bei einem künftigen Konflikt entscheidend sein könnten.“

    Ob die Stationierung mit dem „Trident Juncture“-Manöver zusammenhängt? „Definitiv nicht“, sagt Militärexperte Maxim Schepowalenko vom Zentrum für Strategie- und Technologieanalyse. „Russland stattet seine Truppen planmäßig mit Mitteln aus, die bestimmte Funktionen des Gegners, Führungssysteme zum Beispiel, treffen können.“ 

    „Samarkand“ ist höchstwahrscheinlich ein „operativ-strategisches System“, sagt der Fachmann. Das heißt: „Diese EloKa-Waffe ist dafür bestimmt, die Führungs- und Kommunikationszentralen des Gegners innerhalb integrierter Kommandostrukturen zu stören.“ Weißrussland und Kaliningrad seien nur zwei von mehreren Gebieten, wo diese Anlagen stationiert worden seien.

    Außerdem ist unlängst berichtet worden, Russland arbeite an der Entwicklung spezieller Störflugzeuge auf Basis der Tu-214 und der Il-76. Die EloKa-Jets sollen Navigations- und Kommunikationssatteliten lahmlegen, die die Koordination der Truppen am Boden überhaupt erst ermöglichen. Überdies werden die Maschinen auch Luft-, See- und Bodenziele direkt bestrahlen und blockieren können.

    US-Strategen zeigen sich angesichts der Verstärkung russischer EloKa-Fähigkeiten besorgt. In diesem Bereich sei Russland den Vereinigten Staaten weit voraus, sagte kürzlich Samuel Bendett vom Center for Naval Analyses.

    Eine Übertreibung ist das sicherlich nicht, die Probleme der US-Truppen sind offensichtlich echt: „Die Gegner“ würden die Systeme von US-Flugzeugen in Syrien stören, die Lage sei „die aggressivste in der Welt“, sagte Raymond Thomas, Kommandeur des US Special Operations Command, im April dieses Jahres. „Sie prüfen uns jeden Tag, sie stören unsere Kommunikation, legen unsere Luftnahunterstützungsflugzeuge lahm“, sagte der General.

    Besonders verwundbar sind bei einem elektromagnetischen Angriff laut dem Militärexperten Alexej Leonkow die automatisierten Führungssysteme. Die Amerikaner hätten ihre Truppen nach einem netzbasierten Ansatz organisiert: ein Netz für Aufklärung, Führung und Kommunikation, ein Netz für die Angriffstruppen, ein Netz für die Versorger usw. „Diese Netze interoperieren digital, der Datenaustausch läuft automatisch. Damit wächst der Einsatzwert der EloKa-Waffen“, sagt Leonkow.

    Die Theorie ist soweit klar. Aber wie würde ein elektromagnetischer Angriff unter echten Kampfbedingungen aussehen? Im Grunde wissen wir es nicht, sagt Militärexperte Viktor Murachowski: „Kämpfe zwischen Armeen, deren Ausstattung mit EloKa-Systemen vergleichbar ist, hat es in der neuesten Geschichte nicht gegeben. Wie die Waffensysteme des Westens, die bisher nur in Kriegen gegen unterlegene Gegner eingesetzt wurden, unter anderen Bedingungen funktionieren, ist eine große offene Frage.“

    Kampf- und Aufklärungsdrohnen jedenfalls würden in einem totalen Störumfeld „massiv an Einsatzwert verlieren“, sagt Murachowski. „Die unbemannten Fluggeräte werden ja ferngesteuert, größtenteils über Satelliten.“ Das Gleiche gelte auch für Kampf- und Aufklärungsroboter am Boden.

    Zudem: „Mit EloKa-Waffen können auch optronische und Radarsysteme bekämpft werden. Das erschwert den Einsatz vieler Waffentypen – alles, was mit aktiven Zielsuchköpfen funktioniert, zum Beispiel.“

    Dennoch: Einen Rückfall in die Zeiten der Weltkriege wird es beim Einsatz von EloKa-Waffen auf dem Schlachtfeld nicht geben, sagt Militäranalyst Sergej Denissenzew vom Zentrum für Strategie- und Technologieanalyse. „Der hypothetische Konflikt zwischen Russland und der Nato wird sehr wahrscheinlich ein atomarer sein. Die elektromagnetische Strahlung ist auch eine Wirkungsweise von Atomwaffen. Sie stört alle digitalen Systeme auf lange Distanz – ist also auch eine Art EloKa“, sagt der Fachmann.

    „Nach einem Atomschlag funktioniert kein digitales Kommunikationsgerät mehr. Dann heben Doomsday-Flugzeuge ab, übernehmen die Funktion von Kommunikationszentralen, stellen die Kommunikation über geschützte Kanäle sicher und bauen die Verbindung zu den Truppen wieder auf. Wie in Russland so auch in den USA sind die Armeen also auch auf solche Szenarien vorbereitet“, sagt Experte Leonkow.

    Und das ist ein wichtiger Punkt: Es ist nicht nur so, dass russische EloKa-Waffen den USA gefährlich werden können. Auch die Vereinigten Staaten können elektromagnetische Strahlung einsetzen, um die russische Technik lahmzulegen. Wie ein solcher Kampf ausgeht, weiß man aber erst hinterher.

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    Tags:
    Eloka-System, elektronische Kampfführung, Stationierung, Samarkand, NATO, Kaliningrad, USA, Russland