10:15 16 November 2018
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    US-Militär beim Unterricht in einer Sekundärschule (Archivbild)

    Pentagon-Mitarbeiter in Lettland lernen Russisch – aber warum?

    © Foto: DoD/ U.S. Air Force/ Airman 1st Class Anthony Sanchelli
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    Amerikanische Militärs haben zugegeben, seit einiger Zeit Russisch zu lernen, und zwar mittels einer so genannten „intensiven adaptiven Vertiefung“ in die Sprachumgebung. Überraschend ist dabei, dass sie dies in Lettland tun. Aber warum nicht in der Ukraine, wo es bis zuletzt Russisch-Sprachkurse gab?

    Die Antwort ist einfach: Beim Studium in der Ukraine gerieten die Amerikaner so manches Mal in kuriose Situationen.

    Das Russisch-Studium der US-Militärs bzw. von Kursanten der Militärakademie West Point erfolgt in der lettischen Stadt Daugavpils, unweit der Grenze zu Russland. Für das Programm sind das Lehrzentrum LatInSoft und der Russistik- und Slawistik-Lehrstuhl der Universität Daugavpils zuständig.

    „Das Besondere an diesem Programm ist, dass die Studierenden in der EU bleiben und dabei Russisch in einer Stadt studieren, wo es die meisten ethnischen Russen in  Lettland gibt. (…) Sie leben in russischsprachigen Familien, kommunizieren jeden Tag mit Einwohnern dieser multinationalen Stadt und haben eine hervorragende Sprachpraxis“, sagte Professorin Anna Stankewitsch, Leiterin des Russisch-Lehrstuhls an der Universität Daugavpils.

    Bis 2013 hatten die Amerikaner ähnliche Sprachprogramme in der Ukraine (Kiew und Odessa) und überraschenderweise in Russland (Woronesch) umgesetzt.

    Der Leiter der Sprachprogramme der Militärakademie West Point, Matt Elot, erläuterte: „Die Programme wurden in Woronesch, Kiew und Odessa erfolgreich abgeschlossen. Aber im Herbst 2013 beschloss das US-Kommando in Europa, die Ausbildung in Russland einzustellen. Alle wurden in die Ukraine verlegt, doch dort begann im November der ‚Maidan‘. Wir mussten unsere Kursanten dringend aus der Ukraine wegbringen. Dann tauchte die Variante in Daugavpils auf.“

    Laut einer Umfrage aus dem Jahr 2011 sprechen 88,9 Prozent der Einwohner von Daugavpils permanent Russisch. (Zum Vergleich: In Riga liegt diese Zahl bei „nur 55 Prozent.)

    Die Leiterin ähnlicher Sprachkurse in Riga, Irina Trojanowskaja, vermutete, dass die russische Sprache in Lettland in einem gewissen Sinne besser erhalten geblieben sei als in Moskau. Denn Millionen Einwanderer aus verschiedenen Ländern hätten in den vergangenen 30 Jahren das Russische in der russischen Hauptstadt wesentlich beeinflusst.

    Einer der kuriosen Gründe für die Verlegung der Sprachkurse nach Daugavpils war offenbar der Pseudo-Dokumentarfilm der BBC „World War Three: Inside the War Room“, der als „Apokalypsen-Fantasy“ gedreht wurde. In dem Streifen beginnt ein globaler Konflikt mit einem Aufstand der russischsprachigen Einwohner von Daugavpils, die eine gleichnamige „Volksrepublik“ (nicht mehr und nicht weniger) ausgerufen und den russischen Präsidenten Wladimir Putin beten, seine Truppen nach Lettland zu schicken. Dann beginnt ein intensiver Schlagabtausch zwischen Russland und dem Westen, so dass am Ende Atomwaffen zum Einsatz kommen.

    Hinzu kam, dass die Amerikaner begriffen haben, dass die Einwohner von Kiew und Odessa eine ziemlich eigenartige Art Russisch sprechen. Dadurch fallen sie sofort auf.

    Die Amerikaner haben diese Nuance erst Jahre später begriffen. Jetzt gibt es in Übersee wahrscheinlich viele Russisch-„Kenner“, die aber nicht wirklich Russisch, sondern einen Mischmasch aus Russisch und Ukrainisch sprechen.

    Aber die größten Schwierigkeiten hingen nicht mit dem Akzent zusammen, sondern mit dem mangelhaften Verständnis für die Stilistik der russischen Sprache und für die Besonderheiten des Lebens in Russland. So hatte einer der Kursanten, die jetzt in Daugavpils studieren, einst im russischen Nowosibirsk in einem Restaurant sein Essen mit einem großen Geldschein bezahlt, kannte aber das russische Wort „Wechselgeld“ nicht. Deshalb bat er die Kellnerin, ihm „Moneten“ zu bringen. Diese musste sich sehr wundern, erfüllte aber seine Bitte – und brachte ihm einen ganzen Beutel mit Münzen. Jetzt gab der Kursant Namens Carey zu, dass er viele russische Bücher liest, um sein Russisch zu verbessern.

    Auffallend ist, dass Carey an einer Promotionsarbeit zum Thema „Protestbewegungen im modernen Russland“ arbeitet – ein anderes Thema fand sich für ihn offenbar nicht.

    Die Lehrkräfte in Daugavpils erzählten, dass sie von ihren amerikanischen „Studenten“ gebeten werden, ihnen besondere Sprachkenntnisse zu vermitteln. Einer wolle beispielsweise Karriere im Strafvollzugssystem machen und interessiere sich deshalb speziell für russische Schimpfwörter. Ein anderer leiste seinen Wehrdienst in der Küstenwache in Alaska – und brauchte  „juristische Lexik zum Thema Marine“. Andere Amerikaner benötigen Termini auf den Gebieten Chemie, Biologie usw.

    Auffallend ist dabei, dass es in Daugavpils eigentlich keine Sprachkurse für Militärs gibt – nur das Programm „Russisch in der EU lernen“ an der städtischen Universität. Bis 2013 waren solche Sprachkurse ziemlich populär unter Europäern, weil sie keine Visa brauchen, um Lettland zu besuchen. Übrigens konnten die lettischen Sprachprogrammleiter keine genaue Zahl ihrer amerikanischen Studierenden nennen, was ziemlich merkwürdig ist.

    Dozentin Irina Dworezkaja vom Russisch-Lehrstuhl bestätigte, dass die meisten dieser Studierenden in letzter Zeit Amerikaner seien, von denen die meisten früher in der Ukraine studiert hätten.

    Was ihre Zahl angeht, so liegt sie anhand indirekter Hinweise bei mindestens 40 – das sind Männer verschiedener Altersgruppen. Auch ihre Russisch-Kenntnisse sind unterschiedlich.

    Die Amerikaner leben in russischsprachigen Familien, der Hauptakzent wird dabei darauf gesetzt, dass sie sich an die alltäglichen Gewohnheiten der Russen gewöhnen, die für sie manchmal richtig schockierend sind — unter anderem an die russische Küche. Einer der Kursanten gab beispielsweise zu, dass er jetzt saure Gurken, Sauerkraut und Borschtsch-Suppe möge.

    Es gibt aber einige Dinge, an die sich die Amerikaner immer noch kaum gewöhnen können. Ein anderer Kursant beklagte sich quasi darüber, dass die Russen „immer so trübe Gesichter“ haben. Offensichtlich gibt es in seiner Umgebung niemanden, der ihm erklären würde, dass die Russen und Amerikaner unterschiedliche Vorstellungen von ethischen Normen haben – für die Amerikaner ist es immerhin ziemlich üblich, andere anzulächeln, ohne sich aber dafür zu interessieren, wie es ihnen wirklich geht, usw. Die Russen halten es nicht für unbedingt nötig, permanent zu lächeln. Also beschränkt sich die „Landeskunde“ nur auf die kulinarischen Besonderheiten Russlands – aber nicht auf das Verhalten der Russen im Alltag.

    Und noch etwas: Die Amerikaner sind nicht auf die Idee gekommen, in Lettland Lettisch zu lernen – das brauchen sie offensichtlich gar nicht.

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    Tags:
    Sprachunterricht, Russisch, Soldaten, Armee, Maidan, BBC, Pentagon, EU, Daugavpils, Odessa, Lettland, Kiew, USA, Russland, Ukraine