11:25 10 Dezember 2018
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    Ein Demonstrant mit dem Plakat Big Brother is watching you (Archivbild)

    Morgen könnte es zu spät sein: Über „Big Brother“ und digitalen Imperialismus

    © AFP 2018 / Filippo Monteforte
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    Der frühere NSA-Mitarbeiter Edward Snowden hat seinen Bruch mit den US-Geheimdiensten so begründet: „Ich will nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich sage und tue, aufgenommen wird.“ Das war vor fünf Jahren, und vor einigen Tagen erschien in Deutschland das Buch „Schnauze, Alexa!“ von Johannes Bröckers, der Snowdens Wunsch untermauert.

    Der Journalist bestätigt quasi, dass alles exakt so eingetreten ist, wie Snowden es prophezeit hat. 

    Bröckers beschreibt in seinem Buch, dass sich in den privaten Bereich der Menschen permanent Kräfte einmischen, die in Europa als „Big Brother“ bekannt sind. So hieß die Reality-Show, die 1999 zuerst in den Niederlanden im TV gezeigt wurde. Etwas später wurde sie auch in Großbritannien ausgestrahlt, und dort wurde sie zur richtigen Sensation und eroberte bald darauf die ganze Welt.

    Die Teilnehmer dieser Reality-Show lebten freiwillig in durchsichtigen Wohncontainern und stellten praktisch ihr Privatleben zur Schau, weil jeder Zuschauer es im Fernsehen beobachten konnte.

    Jetzt erzählt Bröckers in seinem Buch, dass „Big Brother“ schon längst über die Grenzen des Show Business hinausgegangen sei und praktisch jeden Menschen in der „hochentwickelten“ Welt (sprich in den USA und Europa) tagtäglich bespitzele.

    Medien berichteten schon öfter, dass „Digitalmonopole“ wie Facebook oder Google immer neue Möglichkeiten schaffen, um ins Privatleben der Nutzer einzudringen. Niemand wundert sich inzwischen, wenn man auf jede winzige Anfrage plötzlich von etlichen Angeboten „überflutet“ wird. Das zeugt davon, dass die personellen Daten jedes Nutzers im Grunde allgemein zugänglich sind, und falls die Geheimdienste diese Daten brauchen, können sie darauf jederzeit zurückgreifen. Doch das ist nur der sichtbare Teil der Arbeit von „Big Brother“.

    Über die wahren Dimensionen dieses Problems erzählt Bröckers am Beispiel des Internet-Riesen Amazon. Seit 2016 bietet diese Firma ihren Kunden das Gerät „Alexa“ an, das quasi ihr Assistent im Haushalt werden soll. „Alexa“ kontrolliert die Geräusche in der Wohnung, reagiert auf Sprachbefehle der Hausherren usw. Dabei ist das Gerät interaktiv, funktioniert also im Dialogmodus. Es kann beispielsweise auf die Bitte des Hausherrn diese oder jene Musik einschalten, ihn über das Wetter draußen informieren, den Terminkalender ausfüllen usw. „Alexa“ kann insgesamt etwa 50.000 Funktionen erfüllen, und bald könnte man dem Gerät offenbar alle möglichen Aufgaben stellen: Wäsche waschen, Wohnung reinigen, die Heizung regeln usw.

    Auf den ersten Blick ist das sehr bequem. Aber da gibt es eine „Lappalie“: Über jeden Befehl, den „Alexa“ bekommt, wird automatisch Amazon informiert. Die Mitarbeiter des Konzerns analysieren die Gewohnheiten jedes Menschen, so dass er für sie absolut „durchsichtig“ wird. Amazon analysiert beispielsweise die Gespräche im jeweiligen Raum und weiß, warum die Hausherrin diese oder jene Kosmetik bevorzugt, diese oder jene Bedarfsartikel usw.

    Amazon-Gründer Jeff Bezos hatte einst in seiner Garage angefangen und binnen von 25 Jahren das weltweit größte Unternehmen aufgebaut. Aktuell ist Amazon der größte Online-Shop der Welt. Auf seiner Website bieten etwa zwei Millionen Verkäufer ihre Waren an. Die Firma kontrolliert Data-Zentren, die die Marktkonjunktur beobachten, und verfügt somit über personelle Daten von 300 Millionen Nutzern. Also kann man durchaus sagen, dass Jeff Bezos, der sich gerne als „Verkäufer von allem“ bezeichnet, sich auf dem Weg zum „Besitz von allen“ und zu „Kenntnissen über alle“ befindet.

    Viele lesen gerne Krimis, wo erzählt wird, wie Menschen ausspioniert werden, wie ihre Telefone angezapft werden, wie sie auf Schritt und Tritt überwacht werden. Dabei denkt aber kaum jemand daran, dass er selbst tagtäglich von Amazon abgehört wird – mithilfe von „Alexa“.

    Dieses Gerät bittet nicht um Erlaubnis, die Gespräche der Hausherren aufzunehmen. Natürlich könnte man sich wohl viel Mühe geben und darauf bestehen, dass Amazon die gemachten Aufnahmen löscht. Aber die Hauptsache ist, dass diese Aufnahmen schon bearbeitet und analysiert worden sind, so dass Amazon über die Hausherren wohl mehr weiß als sie selbst. Also müssen die Menschen für den Komfort im Alltag ihr Recht auf die Unantastbarkeit ihres Privatlebens und in einem gewissen Sinne ihre Freiheit aufgeben.

    Unlängst hat Amazon ein Patent beantragt, so dass „Alexa“ den Hausherren Empfehlungen geben könnte, was sie tun sollten (oder nicht sollten) – beispielsweise den Regenschirm mitnehmen, wenn es draußen regnet, oder dieses oder jenes Arzneimittel einnehmen, wenn man krank ist. Dadurch sollten die Beziehungen mit der Maschine auf emotionaler Ebene gefördert werden, vor allem bei Kindern. Sie könnten dann mit „Alexa“ mit größerer Lust als mit ihren eigenen Eltern kommunizieren.

    Dabei ist es kein Geheimnis, dass die Firma Amazon für eine eher niedrige Kultur der internen Beziehungen bekannt ist. Sie bezahlt ihre Mitarbeiter schlecht, überwacht sie auf Schritt und Tritt, treibt ganze Industriebranchen in die Insolvenz und gehört übrigens zu den größten Steuerhinterziehern auf der ganzen Welt. Dennoch erlebt Amazon einen unerhörten Aufschwung – allein in Deutschland hat das Unternehmen mehr als 40 Millionen Kunden.

    Professor David Cheriton von der Stanford University sagte dazu:

    „Es entsteht der Eindruck, dass jemand sein Gehirn bei Bezos deponiert und ihm das Denken überlässt. Wenn man sich in diese Strukturen vernetzt, findet man kaum mehr den Weg nach außen. Wenn wir von der Bespitzelung der Verbraucher ausgehen, dann muss man sagen, dass Amazon die Ideen von Tausenden Firmen berücksichtigt, die sein System nutzen. Und dass die CIA die „geheimen Clouds“ Amazon Web Services (AWS) beherrscht, darüber müssen wir gar nicht reden.“

    Jeff Bezos hat aktuell ein Vermögen von 150 Milliarden Dollar und ist damit der reichste Mensch der Welt. Es gibt nur 58 Länder, deren Bruttoinlandsprodukt größer als sein Vermögen ist, und bei 135 Ländern ist das BIP geringer. Dabei geht es natürlich um kolossales Geld und um eine kolossale Macht.

    Die Digitaltechnologien etablieren sich atemberaubend schnell als „Big Brothers“ der Menschheit, egal ob es dabei um Jeff Bezos, Mark Zuckerberg (Facebook-Chef) oder Larry Page (Google-Mitbegründer) geht. Sie alle befanden sich in den frühen 1990er Jahren, als das Internet noch sehr jung war, am richtigen Ort zum richtigen Zeitpunkt und erkannten das Riesenpotenzial der Digitaltechnologien. So entstand eine neue Form des „kontrollierenden Kapitalismus“, dem die Bürgerrechte und das Privatleben der Menschen geopfert werden.

    Menschen verwandeln sich unter den Bedingungen dieses „kontrollierenden Kapitalismus“ in gesichtslose Verbraucher, die sich am Spiel beteiligen, solange sie zahlungsfähig sind. Sobald sie kein Geld mehr haben, werden sie „ausgemustert“, aber zuvor bekommen gewisse Kräfte alle möglichen Informationen über diese Menschen.

    In dem Buch erzählt Johannes Bröckers über seine persönlichen Erfahrungen: Solange es noch nicht zu spät ist, dieser Gefahr zu entgehen, sollte man sich zusammenreißen und sagen: „Schnauze, Alexa! Ich bin kein Amazon-Nutzer!“ Denn wenn man das nicht tut, könnte der „Digitalimperialismus“ den Menschen irgendwann endgültig versklaven. Schon morgen könnte es zu spät sein.

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    Datenleak, App, Datenbank, Datenschutz, IT, Überwachung, Amazon, Facebook, NSA, Google, CIA, Jeff Bezos, Larry Page, Mark Zuckerberg, Edward Snowden, USA