17:34 14 Dezember 2018
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    Sticker mit dem Porträt des lybischen Generals Khalifa Haftar an einem Motorrad in Bengasi, Libyen

    Libyens General Haftar: Wer ist der Mann? Was kann seine Armee?

    © AFP 2018 / Abdullah Doma
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    General Haftar ist eine umstrittene Persönlichkeit. Für die Einen ist er ein Nationalheld, für die Anderen ein Verräter und Agent. Manche sehen in ihm einfach einen eitlen Politiker, der nur auf den Machterhalt bedacht sei. Eines ist aber sicher: Khalifa Haftar ist gegenwärtig der größte Machtfaktor in Libyen, schreibt das Portal „Armystandard“.

    Libyen versinkt im Chaos. Seit dem Sturz und der Ermordung Muammar Gaddafis herrscht Bürgerkrieg in dem einst wohlhabenden Ölstaat. Ein geografisch sichtbarer Riss geht durch das Land: Zwei Regierungen üben die Macht in Libyen aus – eine „Regierung der nationalen Einheit“ in der Hauptstadt Tripolis und ein „Repräsentantenhaus“ in der Hafenstadt Tobruk. Weite Teile Libyens werden von Dschihadisten beherrscht, der IS* hält manche Regionen in seiner Gewalt.

    Auf einer zweitägigen Libyen-Konferenz in Palermo wurden alle libyschen Konfliktparteien zum Kompromiss aufgerufen, um Parlamentswahlen im nächsten Jahr zu ermöglichen. Italiens Premierminister Giuseppe Conte versprach, die internationale Gemeinschaft werde Libyen helfen, eine nationale Armee aufzubauen.

    Eigentlich ist eine libysche Nationalarmee bereits 2011 geschaffen worden, durch die Übergangsregierung nach dem Sturz Gaddafis. Von Anfang an aber waren die nationalen Streitkräfte in zwei Lager gespalten. Eines davon wurde von General Khalifa Haftar angeführt. Erst 2014 wurde er als Oberkommandeur der gesamten libyschen Armee aufgestellt.

    Die Konflikte innerhalb der Truppe waren damit keineswegs ausgeräumt: Bis heute ist Haftar eine umstrittene Persönlichkeit. Für Manche ist er ein Nationalheld, der das Land wiedervereinen werde. Andere werfen ihm Verrat vor und halten ihn für einen Agenten. Einige sehen in Haftar einen eitlen Politiker, der nur auf den Erhalt seiner Macht bedacht sei.

    Fest steht jedenfalls, dass General Haftar gegenwärtig der größte Machtfaktor in Libyen ist. Der militärisch erfahrene Machthaber hat noch so manche Rechnung mit den Anhängern der Gaddafi-Regierung offen.

    1969 beteiligte er sich als junger Mann an Gaddafis Putsch gegen den damaligen König von Libyen und machte anschließend Karriere in der libyschen Armee. Ende der 1980er Jahre befehligte Haftar die libyschen Interventionstruppen im Tschad, wo sein Erfolg denn auch einbrach: Die libyschen Truppen wurden zurückgedrängt, Haftar wurde im Tschad gefangen genommen.

    Gaddafi beschuldigte den Offizier, für das Scheitern der Tschad-Intervention persönlich verantwortlich zu sein. Daraufhin wechselte Haftar zur Opposition und floh ins Ausland. Die Gaddafi-Regierung ließ den flüchtigen Offizier in dessen Abwesenheit zum Tode verurteilen.

    20 Jahre verbachte Haftar in den Vereinigten Staaten, wurde US-Bürger, lebte im Bundesstaat Virginia, unweit des CIA-Stabquartiers. Deshalb verdächtigen manche Kritiker den General, mit dem US-Geheimdienst zusammenzuarbeiten. In seine Heimat kehrte Haftar erst zurück, nachdem dort ein Bürgerkrieg zwischen den Gegnern und den Anhängern Gaddafis ausgebrochen war.

    Dem General ist es gelungen, unterschiedliche Kräfte um sich zu vereinen, deren erklärtes Ziel es ist, dem Chaos, dem Krieg und dem Terror in Libyen ein Ende zu setzen. Unterstützt wird Haftar dabei auch vom Westen, von Ägypten und den Vereinten Arabischen Emiraten. An einem guten Verhältnis zu Russland ist der General ebenfalls interessiert.

    Haftar studierte seinerzeit an Militärakademien in der Sowjetunion. Als Kommandeur der libyschen Nationalarmee hat er bereits Russland besucht, um sich mit der militärischen und außenpolitischen Führung des Landes zu treffen.

    Die von Haftar befehligte Nationalarmee zählte bei ihrer Gründung 2011 gerademal ein paar tausend ausgebildete Soldaten – heute sind es laut Haftar 75.000. Verstärkt wurde die Truppe unter anderem durch die Aufnahme ehemaliger Aufständischer, die gegen Gaddafi rebellierten. Die Armee kämpft auf der Seite des Repräsentantenhauses in Tobruk.

    „Wir kontrollieren derzeit 90 Prozent des libyschen Territoriums. Und wir können den Süden des Landes, die Grenze zu Ägypten und zu Tunesien kontrollieren“, sagte Haftar im Januar dieses Jahres laut dem Portal.

    Trainiert wurde die Truppe seit 2011 unter anderem von Ausbildern aus Frankreich und Italien. Gemäß einer Vereinbarung, die beim G8-Gipfel im Juni 2013 getroffen wurde, verpflichteten sich auch die USA, Großbritannien und die Türkei zwei Jahre lang an der Ausbildung der libyschen Nationalarmee zu beteiligen.

    Heute ist die Haftar-Armee besser ausgebildet und ausgerüstet als alle anderen Kampfgruppen in Libyen. So vielfältig die Unterstützer der libyschen Nationalarmee sind, so vielfältig sind auch ihre Waffen: von den deutschen G3-Gewehren von Heckler & Koch über italienische Beretta M12 bis zu den russischen AK-47 und jugoslawischen Zastawa M84 ist alles dabei.

    Die Panzerbestände der Nationalarmee stammen hauptsächlich aus Sowjetbeständen: T-72, T-62, T-55, ja sogar T-34-Panzer sind in Libyen noch anzutreffen. Die Truppentransporter der Haftar-Armee sind deutlich moderner.

    Zwar wird auch in dieser Kategorie noch Sowjettechnik wie der BTR-60 oder BMP-1 eingesetzt. Aber die Nationalarmee verfügt auch über Humvees aus den USA, Nimrs aus den VAE und Pumas aus Italien.

    Medien berichten, die Vereinigten Arabischen Emirate hätten Truppentransporter wie den Streit Typhoon und den Panthera T-6 an die Regierung in Tobruk geliefert. Auch Pickups und Gun-Trucks unterschiedlichster Modelle werde in Libyen eingesetzt.

    Was die Luftstreitkräfte angeht, so wurde die Luftwaffe Gaddafis bei Bombenangriffen der West-Koalition praktisch völlig zerstört. Übriggebliebene Flugzeuge und Hubschrauber wurden zwischen Kämpfergruppen aufgeteilt.

    Im Sommer 2012 wurde berichtet, die neue libysche Regierung plane, die Luftwaffe wiederaufzubauen. Im Gespräch war die Beschaffung von Rafale- und Eurofighter-Kampfjets. Außerdem sollten amerikanische Transportflugzeuge und —hubschrauber geliefert werden. Angesichts der instabilen Lage in Libyen wurden diese Projekte aber definitiv aufgegeben.

    Nur Ägypten hat 2015 fünf alte MiG-21-Jets nach Libyen geliefert, die Vereinigten Arabischen Emirate haben Kampfhubschrauber vom Typ Mi-35 beigesteuert. Seitdem fliegt die libysche Nationalarmee Luftangriffe gegen die Stellungen des IS im Norden des Landes.

    Auch von der Marine der ehemaligen Gaddafi-Armee ist nach den Nato-Angriffen praktisch nichts mehr übriggeblieben. Einige Kampfschiffe wurden bei Luftangriffen der West-Koalition vernichtet, andere wurden von den Aufständischen erbeutet. Nun sollen Patrouillenschiffe beschafft werden, zum Schutz der libyschen Küstengewässer.

    * Eine in Russland verbotene Terrorgruppierung

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    Tags:
    Einflusszonen, Bürgerkrieg, General, Waffenlieferungen, MiG-21, T-72-Panzer, Libysche Nationalarmee, CIA, Khalifa Haftar, Muammar al-Gaddafi, Vereinigte Arabische Emirate (VAE), Nahost, Tschad, Türkei, Großbritannien, USA, Frankreich, Deutschland, Westen, Europa, Nordafrika, Libyen