12:37 10 Dezember 2018
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    Nato-Manöver Trident Juncture 2018

    GPS-Ausfall bei Nato-Übung: Wie Russland US-Navi-Systeme manipulieren könnte

    © Foto: German navy/ PO1/OR-6 Alyssa Bier
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    Die bereits ziemlich lange Liste der Vorwürfe der „Einmischung Russlands“ ist im Westen ergänzt worden. Ernsthaft erörtert wird die Version, dass es russische Militärs sind, die hinter dem fehlerhaften GPS-Betrieb bei den vor kurzem in Norwegen stattgefundenen Nato-Manövern stehen, wie das Portal „vz.ru“ berichtet.

    Nehmen wir an, dass tatsächlich Russland dahinter steckte. Wie hätte Moskau das umsetzen können?

    Der finnische Regierungschef Juha Sipilä sagte, dass das GPS-System während der Nato-Manöver Trident Juncture vom 25. Oktober bis 7. November von externen Einflussfaktoren gestört worden sei und fehlerhaft funktioniert habe. Und zwar so fehlerhaft, dass gerade dieser Grund als eine der Versionen des Vorfalls mit der norwegischen Fregatte betrachtet wird, die mit einem Tankschiff kollidiert war. Die genauen Gründe des GPS-Ausfalls sollen noch geklärt werden, doch Sipilä sagte, dass ein möglicher Schuldiger dabei Russland sei.

    Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg beim Manöver Trident Juncture 2018
    © REUTERS / NTB Scanpix/ Gorm Kallestad

    Wenn man den politischen Kontext dieser Aussage (das im Westen verbreitete Motto „Russland ist auch daran schuld“) beiseiteschiebt, versuchen wir mal, uns vorzustellen, dass Russland sich auf diese Weise tatsächlich in die Nato-Manöver einmischen konnte. Wie hätten die russischen Streitkräfte das GPS-System rein technisch manipulieren können?

    Allererst sollte man sich in Erinnerung rufen, wie GPS funktioniert. Es handelt sich um ein System aus 32 Satelliten, die sich im Erdorbit befinden. Sie haben sechs Flugbahnen. Auf jeder Bahn liegen jeweils vier Satelliten. Weitere acht Satelliten sind in Reserve für den Fall einer Panne eines Satelliten. Die Satelliten drehen sich synchron mit der Erde und vollziehen zwei Erdumrundungen pro Tag. Die Lage der Flugbahnen und die Zahl der Satelliten gewährleisten eine ständige Verbindung mit mindestens sechs und höchstens zehn Geräten. Damit sinkt die Fehlerquote bei der Feststellung der Koordinaten des Nutzers.

    Zudem sind beim Verständnis der Prinzipien der Satellitennavigation Kenntnisse über Radiowellen wichtig. Denn mit ihrer Hilfe wird das Satellitensignal an die Erde übergeben. Die Radiowelle ist ein Typ der Elektromagnetstrahlung, die zwei Hauptmerkmale hat – Wellenlänge und Frequenz. Je größer die Wellenlänge ist, desto geringer ist ihre Frequenz.

    Lange Wellen decken dank ihrer kleineren Frequenz riesige Gebiete ab, kurze Wellen  umgekehrt. Je länger eine Welle ist, desto tiefer kann sie in verschiedene Räume eindringen. Deswegen werden überaus lange Wellen vor allem zur Kommunikation mit weit entfernten und tief gelegenen U-Booten genutzt. Für ultrakurze Wellen (weniger als 1 cm) kann selbst Nebel bzw. Regen ein Hindernis darstellen.

    Theoretisch ist alles sehr einfach – für jede Kommunikation sind lange Radiowellen besser. Doch für solche Wellen sind extrem große Antennen-Sender nötig. So gibt es in Russland das System Alpha für die Kommunikation mit den U-Booten. Bei diesem System ist die Antenne mehrere Dutzend Meter hoch.

    Man kann solche Dinge nicht in der Tasche tragen. Kurzwellen sind jetzt gefragt. Alle modernen Rundfunkgeräte, Handys, Navi-Systeme u.a. funktionieren im Ultrakurzwellen-Bereich. Sie senden das Signal nur über 200-300 km, doch bei einer großen Zahl von Überträgern stellt das keine Probleme dar. Das GPS-System funktioniert auch im UKW-Bereich und hat Dezimeter-Wellen. Gerade deswegen funktioniert das GPS im offenen Feld normal und in einem Tunnel nicht mehr so gut.

    Mit der Entstehung der Funkanlagen stellte sich die Frage, wie dies bekämpft werden kann. Der funkelektronische Kampf wurde erstmals 1904 von der Russischen Kaiser-Flotte während des Russisch-Japanischen Kriegs angewendet. Seit der Zeit entwickelten sich diese Anlagen zu sehr technisch komplizierten Geräten. Als Entwickler des funkelektronischen Kampfes hält Russland  Führungspositionen in diesem Bereich.

    Es gibt taktische und strategische Systeme der funkelektronischen Bekämpfung. Taktische Systeme sind zur Bekämpfung von mobilen Funkanlagen sowie Anlagen, die auf Flugzeugen, Bodentechnik stationiert sind, bestimmt. Kleinere taktische Systeme haben auch eine geringe Kapazität und Reichweite.

    Strategische Systeme sind größer und wiegen manchmal bis zu Dutzenden Tonnen. Sie haben starke Stromquellen und können die Verbindung aus einer Entfernung von einigen Tausend Kilometern unterdrücken. Solche Systeme sind zur Störung der Tätigkeit der Kommandostäbe, der Verbindung mit Bombern u.a. notwendig.

    Was hätte theoretisch den GPS-Betrieb während des Nato-Manövers stören können? Die Übungen fanden in Norwegen statt, die Satelliten liegen im Erdorbit. Taktische Systeme der funkelektronischen Bekämpfung sind bei solchen Entfernungen wirkungslos. Deswegen sind Systeme wie „Liman“, „Krassucha“, „Lejer-3“, die bordgestützten Systeme „Chibiny“ dafür ungeeignet.

    Über welche strategischen Systeme der funkelektronischen Bekämpfung verfügt Russland derzeit?

    Zuallererst sollte betont werden, dass die Systeme der funkelektronischen Bekämpfung sowie ihre Eigenschaften und sogar manchmal ihre Existenz streng geheim gehalten werden. Zusammen mit den Raketenabwehrsystemen und strategischen Atomkräften ist das die am striktesten geheim gehaltene Technik in der Welt. Es gibt sehr wenig Informationen über strategische Systeme der funkelektronischen Bekämpfung. Es geht vor allem um ungefähre Einschätzungen der Reichweite gemäß der Antennengröße.

    Fregatte-Kollision in Norwegen aus einem anderen Blick: Haben Elektro-Wellen aus Russland das Schiff blind gefunkt?

    Als modernste strategische Systeme Russlands gelten „Murmansk-BN“ und „Samarkand“. Im Internet sind Bilder von den Murmansk-Systemen zu finden – auf einem schweren Fahrwerk sind riesige Antennen stationiert. Ein solches System ist im Gebiet Kaliningrad stationiert – dem nächsten russischen Gebiet zu Norwegen.

    Murmansk-BN funktioniert im Kurzwellen-Bereich. Experten zufolge hat es eine Reichweite von 5000 km. Vielleicht werden seine Eigenschaften überschätzt, doch selbst die Hälfte der Reichweite würde ausreichen, um ganz Norwegen von Kaliningrad aus abzudecken. Wenn Russland also für die Störung des GPS-Systems verantwortlich sein würde, dann wäre wohl eine Antenne des Typs Murmansk-BN genutzt worden.

    Es gibt auch ein neueres System – Samarkand. Über dieses System gibt es überhaupt fast keine offen zugänglichen Informationen.

    Allerdings ist eine Tatsache sehr interessant. Vor einigen Wochen, also zu Beginn der Nato-Manöver, tauchte auf der staatlichen Webseite für Erwerbungen ein Dokument über den Beginn der Ausschreibungen für die Montage der Stationen „Samarkand“ und der entsprechenden Infrastruktur auf. Das ist ein sehr interessanter zeitlicher Zufall, weil „Samarkand“ eines der zwei Systeme ist, die eine solche Reichweite haben.

    Darüber hinaus ist das System „Porubschtschik“ zu nennen, mit dem die Aufklärungsflugzeuge Il-22 ausgestattet werden. Eigentlich erfolgt der funkelektronische Kampf am effektivsten von Flugzeugen aus. Die Flughöhe lässt die Reichweite der Systeme erhöhen. Allerdings gibt es nicht viele solche Flugzeuge, und die Nato-Luftraumkontrolle verfolgt sehr aufmerksam die Bewegung dieser Maschinen. Der Flug eines solches Geräts, der zeitlich mit dem Ausfall des GPS-Systems übereinstimmen müsste, hätte sofort erkenntlich gemacht, wer dahinter steckt.

    Mit anderen Worten: Russland verfügt über effektive Möglichkeiten zur Beeinflussung von Satelliten-Navigationssystemen. Dennoch bedeutet das nicht, dass gerade das russische Militär für die Störung des GPS-Signals während der Nato-Manöver verantwortlich war.

    Alles ist wohl viel einfacher. Selbst bei einer geringen Zunahme der Sonnenaktivität leidet die Effizienz der Satellitennavigation. Die Sonnenstrahlung ist eine viel stärkere Störquelle als jede „russische Einmischung“.

    So war es wohl auch diesmal.

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    Tags:
    Eloka-System, Ausfälle, elektronische Kampfführung, Kriegsschiffe, Samarkand, Il-22, Murmansk-BN, GPS-Navigationssystem, Manöver Trident Juncture, U.S. Navy, NATO, Kaliningrad, Norwegen, USA, Russland