17:38 14 Dezember 2018
SNA Radio
    Bau der Turkish Stream-Pipeline

    Tauziehen um Turkish Stream: Rohrverlegung mit unklaren Routen

    © Foto : Gazprom
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Gazeta.ru
    111453

    Gazprom bereitet sich auf den Start einer weiteren Pipeline vor – durch das Schwarzmeer soll russisches Gas in die Türkei fließen. Ob das russische Gas von der Türkei aus dann weitergeleitet wird, ist bis dato eine offene Frage.

    Bislang gibt es keine Abzweigungen für den Transit nach Griechenland und weiter in die EU, und weniger Verbündete an der südlichen Front als an der nördlichen. Wer die Turkish-Stream-Gasleitung braucht und von wem seine Befüllung abhängen wird – das lesen Sie im Artikel des Internetportals „Gazeta.ru“.

    Die Gaspipeline hat fast die Küste der Türkei erreicht. Die Verlegung des Meeresabschnitts von Turkish Stream steht kurz vor dem Abschluss.

    „Die Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin werden am 19. November 2018 in Istanbul an der Zeremonie zum Abschluss des Baus des Meeresabschnitts der Pipeline Turkish Stream teilnehmen“, hieß es in einer Mitteilung des Presseamts des türkischen Staatschefs.

    Der Kreml bezeichnet das voranschreitende Projekt als einen „realen Beitrag zur Energiesicherheit Europas“. „Denn dieses Gas wird in sehr kurzer Zeit nicht nur in die Türkei fließen, es wird die Entwicklung der türkischen Wirtschaft fördern. Es wird weiter an europäische Verbraucher fließen“, sagte der Sprecher des russischen Präsidenten, Dmitri Peskow.

    Die Frage, wohin dieses Gas über diese Route konkret fließen wird, bleibt offen.

    Ein Strang reicht aus

    Es werden parallel zwei Stränge mit der Kapazität von jeweils 15,75 Mrd. Kubikmeter verlegt.

    „Der erste Strang wird unser Land mit Gas versorgen, der zweite Strang europäische Länder…“, hieß es in der Mitteilung der türkischen Behörden.

    Nach Angaben der Verwaltung für die Regelung des türkischen Energiemarktes (EPDK) lag der Gasverbrauch im vergangenen Jahr bei 53,4 Mrd. Kubikmetern.

    Neben Russland, auf das mehr als die Hälfte des Gasexports in die Türkei entfällt (28,6 Mrd. Kubikmeter 2017), kauft Ankara Gas beim Iran (9,2 Mrd. Kubikmeter) und Aserbaidschan (6,5 Mrd. Kubikmeter).

    Baku will diese Lieferungen ausbauen. Im Mai/Juni wurde der erste Strang des Südlichen Gaskorridors in Betrieb genommen – einer Route, über die in die Türkei und EU aserbaidschanisches Gas von einem der weltweit größten Gasvorkommen — Schach Deniz — fließen soll.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Wer hier das Sagen hat: Im Kampf um „Energie der Zukunft“ ziehen USA den Kürzeren

    Der Südliche Gaskorridor wird ein großes Gaspipelinenetz von Baku bis Süditalien via Georgien, die Türkei, Griechenland, Albanien sein. Im Juni wurde der türkische Teil dieser Pipelineroute — TANAP — gestartet. Von den 16 Mrd. Kubikmetern Gas, die in der ersten Etappe über diese Route fließen werden, bleiben sechs Mrd. Kubikmeter in der Türkei, und zehn Mrd. Kubikmeter werden in den Süden Europas via TAP-Pipeline geliefert, die ebenfalls zum Südlichen Gaskorridor gehört. Anschließend soll die Kapazität dieser Route auf 31 Mrd. Kubikmeter steigen.

    In vielerlei Hinsicht ist folgende Tatsache für Gazprom eine Wettbewerbsverschärfung und ein Abschreckungsfaktor für die weitere Expansion auf den europäischen Markt – die Länder der EU sowie die Türkei sind ebenfalls an der Diversifizierung der Lieferanten und der Energiesicherheit interessiert.

    Aus Russland fließen in die Türkei fast 13 Mrd. Kubikmeter durch die Transbalkan-Gaspipeline via die Ukraine, die restliche Menge von rund 16 Mrd. Kubikmetern wird durch Blue Stream gepumpt. Diese Menge entspricht den Vertragsverpflichtungen Russlands gegenüber der Türkei. Der Lieferumfang werde sich nach der Inbetriebnahme des ersten Strangs von Turkish Stream Ende 2019 kaum ändern, so die Beraterin Jekaterina Kolbikowa von Vygon Consulting.

    Damit würde der erste Strang den Gas-Transit durch die Ukraine ersetzen, doch Ankara würde kaum eine größere Menge abnehmen. Die Türkei braucht keine zusätzlichen 16 Mrd. Kubikmeter – zumindest mittelfristig. Sollte keine Lösung für die Lieferungen nach Europa gefunden werden, werde der zweite Strang einige Zeit leer bleiben, so der Rohstoffexperte Dmitri Marintschenko.

    Griechische Ambitionen

    Ursprünglich sollte der zweite Strang von Turkish Stream bis an die griechische Grenze verlegt werden, von wo Gas anschließend in die Länder Süd- und Südosteuropas weitergeleitet werden könnte.

    Athen unterstützt diese Pläne. Im vergangenen Jahr wurde ein Abkommen zwischen Gazprom, der griechischen Korporation DEPA und der italienischen Firma Edison über russische Gaslieferungen über den Schwarzmeerboden via Drittländer nach Griechenland und aus Griechenland nach Italien sowie eine gemeinsame Erklärung Griechenlands und Italiens unterzeichnet.

    Europäische Unternehmen wollten zuvor den Strang ITGI Podeidon (Interconnector Turkey-Greece-Italy) bauen, der die Märkte der Türkei, Griechenlands und Italiens verbinden sollte. Jetzt wurde dieses Projekt auf Eis gelegt. Sollte es wiederbelebt werden, könnte die Auslastung des zweiten Strangs von Turkish Stream bis zu 70 Prozent ausmachen, wie die Expertin Kolbikowa ergänzt.

    Griechenland hat weiterhin Ambitionen, ein europäischer Gashub zu werden, und wirbt in Brüssel für die Fortsetzung des Baus von Turkish Stream über die griechisch-türkische Grenze.

    „..Wir unterstützen in Brüssel die Aussichten der Erweiterung der Gaspipeline Turkish Stream nach Griechenland“, sagte der griechische Premierminister Alexis Tsipras beim dritten Balkan-Gipfel in Thessaloniki am 16. November. Allerdings wurde diese Initiative von der EU-Kommission bislang nicht gebilligt.

    Im Rahmen der Energiesicherheit Griechenlands werden auch der Bau des Interconnectors Griechenland-Bulgarien (IGB) sowie mehrerer anderer Stränge für Gaslieferungen vorbereitet. Dabei hat für Athen die Transadria-Pipeline die Priorität.

    Balkan-Gambit

    Auch Gazprom sondiert weitere Optionen. So wird in der letzten Zeit immer aktiver die Route Bulgarien-Serbien-Ungarn bis ins österreichische Baumgarten besprochen. In diesem Fall könnte Bulgarien, das einst den Bau der South-Stream-Leitung auf Druck der EU-Kommission platzen ließ, zum europäischen Gashub im Süden werden. 

    Dieses Thema wurde unter anderem beim Treffen des russischen Präsidenten Wladimir Putin mit dem Premier Bulgariens, Bojko Borissow, im Mai behandelt.

    Eine mögliche Verlängerung von Turkish Stream bis nach Bulgarien wurde damals von allen bestätigt. Laut Borisov drückte auch Erdogan am Telefon seine Unterstützung für diese Idee aus. Allerdings ist es nicht zu konkreten Vereinbarungen gekommen.

    Ohne Garantien – sowohl seitens Bulgariens, als auch seitens der EU – wird Russland auf ein weiteres Abenteuer nicht mehr eingehen. Das sagte Putin im Mai, anschließend wurde diese Haltung mehrmals von Außenminister Sergej Lawrow bestätigt.

    „Wir berücksichtigen die traurigen Lehren aus South Stream und wünschen nicht, dass sich eine solche Situation wiederholt. Wir werden bereit sein, mit der entsprechenden Arbeit erst nach Erhalt von festen positiven Garantien der profilierten EU-Strukturen zu beginnen“, sagte Lawrow in einem Interview mit “The Serbian Telegraph” am 17. November.

    Zu den Vorteilen einer Abzweigung über Bulgarien in Richtung Österreich gehört die mögliche Lösung des Problems einer alternativen Gasversorgung von relativ kleinen Verbrauchern in der Region, so ein Energieexperte der Skolkovo-Schule für Führungskräfte, Alexander Sobko. Bis dahin werden sie wohl weiterhin über die Ukraine versorgt.

    Der ungarische Premier Viktor Orban bat den russischen Präsidenten Wladimir Putin beim Treffen im September, sich Gedanken über die Verlängerung von Turkish Stream bis nach Ungarn zu machen.

    >>Andere Sputnik-Artikel: Kiew nennt Folgen von Start des zweiten Stranges von Turkish Stream

    Im Oktober sprach Putin erneut über einen möglichen Anschluss Italiens an die Pipeline, aber nun über Bulgarien bzw. Serbien.

    Viele Länder zeigen Interesse an Abzweigungen von Turkish Stream bis zum eigenen Territorium, so Peskow. „Einige machen Andeutungen, andere stellen konkret Fragen“, so Peskow.

    Eine Abzweigung nach Bulgarien wäre die zweckmäßigste Verlängerung des zweiten Stranges von Turkish Stream, so Kolbikowa. Erstens war in dieser Richtung die Umsetzung einiger europäischer Gaspipelines geplant, die bislang keine Ressourcenbasis haben. Zweitens besteht die Möglichkeit, die Transbalkan-Pipeline im Reverse-Format zu nutzen, womit 13,1 Mrd. Kubikmeter Vertragsverpflichtungen Gazproms gegenüber europäischen Ländern (Moldawien, Rumänien, Bulgarien, Griechenland und Mazedonien) bei minimaler Umgestaltung gedeckt werden könnten. In diesem Fall könnte die Auslastung des zweiten Strangs bis zu 83 Prozent ausmachen.

    Doch alle diesen Optionen sind noch ungewiss. Europäische Pipelines könnte dasselbe Schicksal ereilen wie das frühere Projekt des Südlichen Gaskorridors (Nabucco West). Die Transbalkan-Route könne auf Schwierigkeiten bei Reverse-Lieferungen bezüglich der Übereinstimmung mit den Punkten des Dritten Energiepakets stoßen, so Kolbikowa.

    Kiew steht im Weg

    Für Schwierigkeiten sorgt auch die Tatsache, dass Europa versucht, zumindest einen Teil  der durch die Ukraine gepumpten Transitmenge aufrechtzuerhalten. Die meisten Varianten der Verlängerung von Turkish Stream zielen eben auf die Reduzierung bzw. den Verzicht auf den ukrainischen Transit im Süden ab. Kiew drückte bereits mehrmals Besorgnis darüber aus.

    Auch die USA, die ganz Osteuropa als potentielle Abnehmer von US-Flüssiggas betrachten, unterstützen das Projekt nicht. Auch in Europa herrscht keine Einigkeit bei dieser Frage.

    Die Experten sind sich darin einig, dass die Verlängerung des zweiten Strangs von Turkish Stream noch lange Zeit kein Thema sein wird.

    Die Durcharbeitung aller Vereinbarungen, das Treffen von Beschlüssen und der Bau würde jedenfalls weitere Jahre in Anspruch nehmen, so Alexander Sobko.

    Turkish Stream habe keinen so mächtigen Lobbyisten in Europa wie bei Nord Stream-2 in Form von Deutschland, deshalb könnte es weitere Verzögerungen geben, so Marintschenko.

    Deswegen werde die Route über die Ukraine wohl in irgendeiner Form weiter existieren.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Abkommen, Route, Gaslieferung, Turkish Stream, EU-Kommission, EU, Gazprom, Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdogan, USA, Ukraine, Griechenland, Russland, Türkei