01:36 14 Dezember 2018
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    Scott Stearney, Kommandeur der 5. Flotte der US-Kriegsmarine (Archiv)

    Rätselhafter Tod: Was trieb US-Flottenadmiral Stearney in den Selbstmord?

    © REUTERS / Hamad I Mohammed/File Photo
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    Die US-Streitkräfte sind schockiert. Scott Stearney, Kommandeur der 5. US-Flotte, die die weltweit wichtigsten Öllieferrouten kontrolliert, hat Selbstmord begangen. Was hat den US-Topmilitär zu diesem Schritt bewegt? Mehrere Ereignisse scheinen einen glaubwürdigen Grund für den Suizid zu liefern, berichtete das russische Internetportal „vz.ru“.

    Der Tod des Kommandeurs der 5. Flotte der US-Kriegsmarine, Vizeadmiral Scott Stearney, wurde offiziell als Selbstmord bestätigt. Der Leiter der Marineoperationen, Admiral John Richardson, sagte in einer Videobotschaft, dass Stearney in seiner Dienstwohnung in Bahrain tot aufgefunden wurde. Dabei soll es sich „offensichtlich um Selbstmord“ handeln. Richardson nannte Stearney einen „hervorragenden Marineoffizier“.

    Die entsprechenden Ermittlungen werden von den Sicherheitsbehörden Bahrains in Zusammenarbeit mit dem U.S. Naval Criminal Investigative Service (NCIS) geleitet. Es wurden keine Details zu diesem Vorfall mitgeteilt. Ob der Admiral einen Abschiedsbrief hinterließ, wie er den Selbstmord beging und was ihm vorausging – auf diese Fragen gibt es bislang keine Antwort.

    Vizeadmiral Scott Stearney (Archiv)
    © REUTERS / Jonathan Clay/Handout via REUTERS
    Allerdings kann man gewisse Vermutungen anstellen. Dazu sollte man sich die Karriere des verstorbenen Admirals in Erinnerung rufen.

    Scott Stearney war seit Mai dieses Jahres Kommandeur der 5. Flotte der US-Kriegsmarine, zuvor leitete er das Übungszentrum der Marineflieger. Er war ein erfahrener Marineflieger, der auf Flugzeugträgern rund 45.000 Stunden Flüge und mehr als 1000 Landungen absolviert hatte. Seit Frühjahr war er Kommandeur von 22.000 Soldaten – dem Personalbestand der 5. Flotte, der wichtigsten in der US-Militärstrategie im Nahen Osten. Momentan ist die 5. Flotte der wichtigste Kampfverband nicht nur der US-Marine, sondern de facto der gesamten US-Streitkräfte. Stearney hat zwei erwachsene Söhne (einer davon dient ebenfalls in der Flotte), Enkelkinder und einen fast tadellosen Ruf, Lebenslauf und Karriere.

    Der Selbstmord eines solchen ranghohen Militärs schockiert die USA, und nicht nur die Marine. Selbstmorde von Top-Offizieren sind seltene Ereignisse, gewöhnlich geht es dabei um die „Ehre“. Vor Stearney hatte es in der US-Marine im 20. Jahrhundert nur einen Selbstmord eines hochrangigen Marineoffiziers gegeben.

    Am 16. Mai 1996 starb Vier-Sterne-Admiral Jeremy Michael Boorda, Chief of Naval Operations (CNO), – eine Legende der US-Kriegsflotte – an einer Schusswunde in den Brustkorb, die er sich selbst zugefügt hatte.

    Admiral Boorda war der erste CNO, der kein Absolvent der US Naval Academy war. Er stieg nach dem Vietnam-Krieg nach dem Integrationsprogramm „Vom Matrose bis zum Admiral“ auf. Zudem war der Sohn eines armen Schneiders aus der Ukraine der erste US-Admiral jüdischer Herkunft.

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    Admiral Boorda hinterließ zwei Abschiedsbriefe: für die Ehefrau und den Offizier für Public Relations. Sie wurden nie publik gemacht. Es gab keine offiziellen Kommentare zum Ermittlungsverlauf. Diese Taktik wurde eine Art Präzedenzfall, der jetzt im Fall Stearney angewendet wird.

    Laut der verbreitetsten Version wurde Boorda wegen der Hetzkampagne des Newsweek-Korrespondenten David Hackworth in den Selbstmord getrieben. Ihm sei vorgeworfen worden, er sei mehrmals zu Unrecht für seine Tapferkeit ausgezeichnet worden. Boorda waren die Navy Achievement Medal und die Navy Commendation Medal verliehen worden. Er trug beide Medaillen mit dem „Combat V“ („Valour“), einem Zusatz, der besagt, dass diese Auszeichnung für einen Einsatz im Angesicht eines bewaffneten Feindes verliehen wurde. An der Berechtigung, die beiden Medaillen mit dem „Combat V“ zu tragen, waren in den Medien Zweifel aufgekommen.

    Später stellte sich heraus, dass die Vorwürfe berechtigt waren, weil ihm keine schriftliche Genehmigung zum Tragen erteilt worden war. Allerdings erklärte der frühere Chief of Naval Operations, Admiral Elmo R. Zumwalt (in der Zeit von Boordas Vietnam-Einsatz der Oberbefehlshaber der US-Marine-Streitkräfte in Vietnam) nach dessen Freitod, dass Boorda zwar nicht schriftlich ermächtigt worden war, das „Combat V“ zu tragen, von ihm jedoch mündlich die Berechtigung dafür erteilt worden sei und diesen Titel „verdient, legitim und zu Recht“ verliehen bekommen hätte. Allerdings bestätigte die zuständige Verwaltung, dass keine entsprechende schriftliche Genehmigung erteilt wurde.

    Hackworth ließ jedoch nicht locker und wollte ein Interview mit Boorda, doch wenige Tage vor diesem Interview schoss sich der Vier-Sterne-Admiral in den Brustkorb. Er fürchtete, dass diese Geschichte einen Schatten auf die gesamte Flotte werfen würde. Für den Admiral, der sein ganzes Leben auf hoher See verbracht hatte und vom einfachen Matrosen, der im Alter von 19 Jahren wegen der Perspektivlosigkeit in seiner sehr armen jüdischen Familie zur Flotte gegangen war, bis zum Admiral aufstieg, war es eine Frage der Ehre.

    Admiral Boorda galt unter Präsident Clinton als großer Flotten-Reformer und tat viel für die Soldaten im sozialen Bereich. Er reaktivierte das Programm zur Unterstützung begabter Matrosen, förderte die Idee der Stationierung von neuen Kommando- und Kommunikationssystemen auf Hilfsschiffen statt Kreuzern, was eine Revolution bei der Flottenführung auf dem Schlachtfeld war. Doch dabei stand er im ständigen Konflikt mit den Karriere-Admirälen, die die US Naval Academy absolviert hatten, die den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Boorda selbst in der Ära des liberalen Präsidenten Clinton als nicht auf Augenhöhe ansahen.

    Zudem war Boordas neues Förderungssystem für Offiziere eng an den aktuellen Dienstort gebunden, womit spontane Ernennungen und Beförderungen (sie wurden mit Vetternwirtschaft und Korruption assoziiert) ausgeschlossen wurden, was natürlich vielen nicht gefiel. Dabei ist der Gedanke nicht fern, dass das ungewöhnliche Interesse des bekannten Militärjournalisten Hackworth von jemandem provoziert wurde, der an der Diskreditierung Boordas interessiert war.

    Die Beerdigung von Admiral Boorda war die erste Beerdigung eines Admirals, die von CNN im ganzen Land live übertragen wurde.

    Im Falle Stearney tauchten bislang keine Verschwörungstheorien auf. Bislang äußerte sich nur der ehemalige CIA-Mitarbeiter Robert Steele zu dessen gewaltsamen Tod. Er schrieb auf Twitter, dass Admiral Stearney auf Anweisung der US-Marineaufklärung vom Geheimdienst Bahrains umgebracht wurde. Allerdings erklärte er nicht, warum. Die Motive sind aber immer wichtiger als das Ergebnis.

    Deswegen bleibt nur, die Worte von Admiral Richardson genau zu analysieren. In seiner Erklärung schloss er gleich zwei Gründe für den Selbstmord aus – gegen Scott seien keine Untersuchungen geführt worden, und er sei ein großartiger Familienmensch gewesen.

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    Dienstliche Untersuchungen können, genau wie journalistische, aus jedem beliebigen Anlass durchgeführt werden.

    In der Vergangenheit war die 5. Flotte in eine unangenehme Situation geraten. Neben der Kontrolle der wichtigsten Ölhandelsrouten auf hoher See, dem Persischen Golf, der Straße von Hormus, Bab al-Mandab und dem Indischen Ozean, befasste sie sich auch mit dem Kampf gegen die Piraterie. Der Zerstörer „USS Higgins“ hatte ein Schiff aus Singapur festgesetzt. Nach der Durchsuchung und Festnahme erklärten die durchsuchten Matrosen, dass bei ihnen 200 Dollar Bargeld, eine Kamera und Uhren verschwunden seien. Bei einer Untersuchung wurde festgestellt, dass diese Sachen von zwei US-Matrosen mitgenommen worden waren.

    Dieser Skandal führte beinahe zur Einstellung der Einsätze der 5. Flotte, der Festnahme der Diebe vom Zerstörer „Higgins“ und dem Rücktritt der Offiziere. Allerdings geschah das alles vor der Ernennung Stearneys. In den vergangenen sechs Monaten gab es keine Vorfälle dieser Art. Er stand also nicht im Fadenkreuz irgendwelcher Ermittlungen.

    Zudem schloss Richardson mit seinen Worten vom „großartigen Familienmenschen” aus, dass er diskreditiert werden sollte – sexuelle Belästigung, Probleme in der Familie u.a.

    US-Flugzeugträger USS Carl Vinson (Symbolbild)
    © AP Photo / U.S. Navy/Mass Communication Specialist 2nd Class Z.A. Landers
    Militärpolitisch kümmerte sich Admiral Stearney nach seiner Ernennung um den Iran – vielleicht ist das ein Schlüssel zu seinem rätselhaften Selbstmord. Er führte demonstrative Übungen zur Entschärfung von Minen im Persischen Golf durch und gab arabischen Medien ein skandalöses Interview, in dem er dem Iran vorwarf, Angriffe auf Schiffe der 5. Flotte mit Torpedo- und Angriffs-Booten vorzutäuschen.

    Der Iran nahm diese Vorwürfe daraufhin wörtlich: Ende Oktober attackierten zwei Raketenboote im neutralen Gewässer ein großes Landungsschiff der 5. Flotte – die „USS Essex“. Ein iranisches U-Boot schnitt dem US-Schiff den Weg ab, ein weiteres näherte sich dem Heck. Hätten die Iraner gewollt, hätten sie ein großes US-Kriegsschiff versenken können, auf dem eine Kommandostelle stationiert ist. Das Kommando der „USS Essex“ bemerkte die plötzliche Annäherung der Boote im neutralen Gewässer einfach nicht.

    Es hätte wohl keine großen Probleme gegeben, wäre damals an Bord der „USS Essex“ nicht General Joseph Votel, Oberbefehlshaber des United States Central Command (USCENTCOM), also Oberkommandeur der US-Truppen im Nahen Osten, gewesen. Er überprüfte gerade die Flugoperationen der 5. Flotte von Bord des Schiffes aus. Nach iranischen Angaben wusste Teheran über die Bewegungen der „USS Essex“ sowie General Votel an Bord Bescheid.

    Laut Augenzeugenangaben scherzte Votel mit dem Kommandeur und den Offizieren der „USS Essex“, als die iranischen Boote sich zurückzogen: „Ich bin ihnen sehr dankbar, dass sie mit den Iranern vereinbart haben, dass sie hier waren.“

    Nach dem Vorfall gab Stearney eine merkwürdige Erklärung ab. Dabei betonte er, dass sich die Besatzung der „Essex“ während des Geschehens professionell verhalten hätte und die 5. Flotte ihre Handlungen im Rahmen der internationalen Richtlinien fortsetzen werde. Allerdings war klar, dass etwas nicht stimmte. Es ist nicht bekannt, ob die Iraner vorab wussten, dass Votel an Bord der „USS Essex“ war. Zwei Hubschrauber V-22 Osprey brachten Votel und seine Begleiter zur „Essex“. Ein F-35-Kampfjet befand sich in dieser Zeit im Luftraum und ahmte eine vertikale Landung auf der „Essex“ nach. Dennoch hätten die Iraner die versammelte Gesellschaft beinahe versenkt.

    Man kann nur rätseln, was General Votel nach diesem Vorfall genau Stearney sagte. Man kann nur sicher sein, dass Humor allein hier nicht ausreicht.

    Stearney drohten wohl ernsthafte dienstliche Probleme. Dem Iran Widerstand zu leisten, ist nicht vergleichbar mit den routinemäßigen Bombenangriffen auf Afghanistan. Der charismatische und scharfzüngige General Votel gehört zu den Lieblingen von US-Präsident Donald Trump.

    Vielleicht konnte sich Stearney für den Vorfall nicht rechtfertigen, die Lage im Persischen Golf spitzt sich mit jedem Tag zu. Die Fünfte Flotte geriet nicht einfach in eine unangenehme Situation, sondern befleckte sich vor den Augen des Befehlshabers. Vielleicht hat Stearney ein Rauswurf wegen Inkompetenz gedroht.

    Vielleicht war das der Grund, der zu diesen traurigen Folgen geführt hat. Allerdings ist das nur eine der möglichen Versionen. Angesichts des Vorfalls mit Admiral Boorda ist nicht ausgeschlossen, dass der NCIS, das Flottenkommando und das Weiße Haus die Ergebnisse der Ermittlung für geheim erklären werden. In diesem Fall werden wir nie erfahren, was Admiral Stearney in den Selbstmord trieb.

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    Tags:
    US-Flotte, Karriere, Selbstmord, CIA, Donald Trump, Naher Osten, Bahrain, Iran, USA