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    Raketenstart während der Übungen (Symbolbild)

    Was stört die USA an Russlands Marschflugkörper 9M729?

    © Sputnik / Igor Russak
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    Russland ist dazu aufgefordert worden, auf seine Marschflugkörper des Typs 9M729 zu verzichten. Das sieht das von Washington an Moskau gestellte Ultimatum vor. Es wird behauptet, mit der Entwicklung dieses Modells würden die Russen gegen den INF-Vertrag verstoßen.

    Um was für eine Rakete handelt es sich aber? Was sind die wahren Gründe für das Vorgehen der USA? Darüber schreibt die Online-Zeitung Vz.ru am Montag.

    Die für Rüstungskontrolle und internationale Sicherheit zuständige US-Vizeaußenministerin Andrea Thompson hat erklärt, dass Moskau die besagten Marschflugkörper „aufgeben oder verändern“ müsste, um die Auflösung des INF-Vertrags zu verhindern.

    Die Amerikaner behaupten, die Reichweite dieser Rakete würde mehr als 500 Kilometer betragen, und eben das wäre die Verletzung des Abkommens, das die Entwicklung von Raketen kurzer und mittlerer Reichweite (500 bis 5500 Kilometer) vorsieht. Wie sind aber die wahren Fähigkeiten des 9M729-Modells?

    Nicht einmal ein Foto

    In offenen Quellen gibt es kaum Informationen zur 9M729-Rakete. Das russische Verteidigungsministerium informierte nie offiziell über ihre Produktion oder Tests. Ein einziges Mal wurde sie erwähnt, und zwar im Jubiläumsglückwunsch an den ehemaligen Generaldirektor des Konstruktionsbüros „Novator“, Pawel Kamnew.

    Als aber die USA Russland zum ersten Mal die Verletzung des INF-Vertrags vorgeworfen hatten, gab die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, eine klare Antwort zu den technischen Daten der 9M729-Rakete, und damit räumte Moskau de facto ihre Entwicklung ein.

    Dabei behauptete Sacharowa allerdings, dieses Modell würde sämtlichen Anforderungen des Mittelstreckenraketen-Vertrags entsprechen, so dass Moskau alle seine Verpflichtungen einhalte.

    Ansonsten gibt es so gut wie keine Angaben zu dieser Rakete – nicht einmal ihre Fotos im Internet. Also geht es bei jeglichen Vermutungen zu diesem Thema nur um Spekulationen.

    Kennzeichnend ist die Meinung des Experten für Rüstungskontrolle von der Washingtoner Brookings Institution, Steven Pifer: „Was die Reichweite der 9M729 angeht, so glaube ich nicht, dass die Russen gegen den Vertrag verstoßen würden, um eine Rakete mit einer Reichweite von nur etwas mehr als 500 Kilometern zu entwickeln“, sagte der Experte in einem Interview für DW. „Früher vermutete ich, dass ihre Reichweite etwa 2000 Kilometer beträgt, aber das war eben nur eine Vermutung.“

    Als eine Art Prototyp für 9M729 gilt das Vorgängermodell der aktuellen Rakete „Kalibr“ – der Komplex RK-55 „Relief“, der in Sowjetzeiten mit Marschflugkörpern großer Reichweite KS-122 bestückt wurde. Ursprünglich war dieses Modell für den seegestützten Komplex S-10 „Granat“ entwickelt worden, so dass sein Durchmesser (genauso wie das der „Kalibr“-Rakete“ 533 Millimeter beträgt, so dass damit U-Boote und Schiffe bewaffnet werden könnten.

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    In der Sowjetunion wurde nur die erste K-122-Partie gebaut, die aber bald nach der Unterzeichnung des INF-Vertrags Ende 1987 unter Kontrolle von US-Experten entsorgt wurde. Da diese Rakete als Prototyp für 9M729 dargestellt wird, werden oft gerade ihre alten Fotos genutzt, um zu zeigen, die wie neueste Rakete aussehen könnte. Aber eigentlich könnte sie ziemlich anders aussehen.

    Der größte Unterschied der modernen Marschflugkörper „Kalibr“ besteht darin, dass sie einen Überschallbeschleuniger haben, um alle möglichen Raketenabwehrsysteme des potenziellen Gegners zu überwinden. Deshalb ist die Rakete um etwa zwei Meter länger und um etwa 500 Kilogramm schwerer. Damit kann sie beim Anflug des Ziels eine Überschallgeschwindigkeit von 2,5M erreichen. Zum Vergleich: Amerikanische Tomahawk-Raketen haben eine Geschwindigkeit von 0,5 bis 0,75M, so dass sie leichte „Zielscheiben“ für Raketenabwehrmittel sind.

    Dass die neuen „Kalibr“-Raketen eine Überschallgeschwindigkeit erreichen können, beeinflusst auch ihre Größe: die Überschall-Modifikation 3M-54E ist 8200 Millimeter lang, wobei die Unterschall-Version 3M-14E „nur“ 6200 Millimeter lang ist. Aber die erste von ihnen hat eine Reichweite von 220 Kilometern, und die zweite kann ganze 300 Kilometer weit fliegen.

    Demnach ergibt selbst eine solch einfache Analyse, dass Behauptungen wie „9M729 ist acht Meter lang und kann deswegen 2500 Kilometer weit fliegen“ im Grunde untauglich sind. Denn der „Überschuss“ von zwei Metern könnte auch für die zweite Überschallstufe der Marschflugkörper der „Kalibr“-Familie gelten – und nicht für den zusätzlichen Treibstoffbehälter, dank dem KS-122-Raketen 2500 Kilometer weit fliegen konnten, so dass sie gemäß dem INF-Vertrag vernichtet werden mussten.

    Worauf bestehen eigentlich die Amerikaner?

    Faktisch wurde auf dem jüngsten Briefing im US-Außenministerium klar und deutlich erklärt, warum Russland weiterhin Marschflugkörper entwickeln würde. Man sagte dabei, die Amerikaner wären bereit, die Einstellungen ihrer Raketenabwehrkomplexe Aegis Ashore in Europa zu verändern, so dass sie Tomahawk-Raketen nicht abfeuern könnten. Dafür müsste Russland aber die Reichweite des 9M729-Marschflugkörpers entsprechend verändern.

    Aber mit dieser Erklärung haben sich die USA de facto auf Russlands Seite gestellt, das sich schon seit Jahren darum bemühte, den INF-Vertrag für die US-Raketenabwehr in Europa gültig zu machen. Denn die USA (genauso wie Russland) haben universale Startcontainer (Mk.41), in den Raketenabwehr-Abfangraketen sehr schnell (binnen nur eines Tages) durch Tomahawk-Marschflugkörper ersetzt werden könnten.  Und solche Raketen mit einer Reichweite von 2400 Kilometern haben die USA – auch wenn sie formell seegestützt sind.

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    Ob die Amerikaner bereit wären, russische Inspekteure ihre Raketenabwehr-Objekte in Europa besuchen zu lassen, ist fraglich, besonders wenn man die gegenseitigen Auseinandersetzungen der letzten Jahre bedenkt.

    Andererseits verweigerte Thompson die Antwort auf die Frage, ob die USA die Entwicklung von neuen bodengestützten Marschflugkörpern beginnen, die nicht mehr de facto, sondern auch de jure den INF-Vertrag verletzen würden. Sie sagte nur, dass die „juristischen Folgen“ des möglichen Verzichts auf die Einhaltung des INF-Vertrags bedeuten würde, dass Washington „nicht mehr verpflichtet ist, die Bestimmungen des Vertrags zu erfüllen“. Das würde den Amerikanern aber noch mehr passen, denn dann würden sie gleichzeitig mit der „lenkbaren“ Konfrontation mit Russland und mit der Rückkehr zur Politik des „umgehenden weltweiten Schlags“ auch China unter Druck setzen.

    Es geht dabei natürlich darum, dass China kein Teilnehmer des INF-Vertrags ist, aber inzwischen über bodengestützte Marschflugkörper DF-10 verfügt, deren Reichweite bei etwa 220 Kilometern liegt. Laut chinesischen offiziellen Medienberichten  könnte eine solche Rakete einen US-Flugzeugträger versenken. Und ihre Reichweite erlaubt es dem Reich der Mitte, alle umstrittenen Territorien unweit seiner Küste zu kontrollieren.

    Dabei haben die USA ihre „unversenkbaren Flugzeugträger“ im Fernen Osten: Japan, Südkorea und Taiwan. Aber der Aufstellung von Marschflugkörpern und ballistischen Raketen dort steht aktuell der INF-Vertrag mit Russland im Wege, das ihn aber als einen Eckpfeiler des globalen Sicherheitssystems betrachtet.

    Und eben das könnte der wichtigste Grund für die Amerikaner sein, warum sie sich den neuen russischen Marschflugkörper 9M729 nicht gefallen lassen, um unter diesem Vorwand aus dem INF-Vertrag auszusteigen.

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    Tags:
    Entwicklung, Marschflugkörper, Kalibr-Rakete, INF-Vertrag, USA, Russland