05:07 23 Januar 2019
SNA Radio
    Präsentation von neuen Euro-Banknoten im EZB-Standort in Frankfurt-am-Main (Archivbild)

    Gelddrucker abgeschaltet: Darum versinkt die EU in Rezession

    © AP Photo / Michael Probst
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Gazeta.ru
    3831140

    Die Europäische Zentralbank hat die Gelddruckmaschine abgeschaltet und damit ihr Programm zur quantitativen Lockerung außer Kraft gesetzt. Der Leitzinssatz bleibt weiterhin gleich null, schreibt die Online-Zeitung Gazeta.ru am Freitag.

    Experten zeigen sich überzeugt, dass die stagnierende EU-Wirtschaft neue Impulse braucht.

    Das QE-Programm (Quantitative Easing – quantitative Lockerung) war 2015 gestartet worden und hat die EZB schätzungsweise 2,6 Billionen Euro gekostet. 

    Für diese Mittel kaufte die Zentralbank Staatsanleihen der Mitgliedsländer der Eurozone, um die Aktivitäten der Geschäftskreise zu stimulieren. Ursprünglich hätte dieser Plan bis September 2016 funktionieren und 1,1 Billionen Euro kosten sollen. Schuldverschreibungen wurden damals für 30 Milliarden Euro pro Monat gekauft.

    Dann aber wurde beschlossen, das QE-Programm zu verlängern, die Finanzspritzen aber auf 15 Milliarden Euro monatlich zu reduzieren.

    Erst im Juni kündigte die EZB die allmähliche Beendigung des Programms an.

    EZB-Chef Mario Draghi teilte am Donnerstag darüber hinaus mit, dass der Leitzinssatz weiterhin bei null liegen werde. Der Overnight-Anlagensatz bleibe ebenfalls weiterhin bei 0,4 Prozent liegen.

    Und der Zinssatz für dringende Kredite bleibe nach wie vor bei 0,25 Prozent. Diese Zinssätze werden voraussichtlich mindestens bis Ende Sommer 2019 konstant bleiben.

    Eurozone versinkt in Rezession

    Draghi verwies darauf, dass die Risiken für die europäische Wirtschaft, die mit Geopolitik, Protektionismus und Börsenkursschwankungen zusammenhingen, größer geworden seien.

    Vor diesem Hintergrund korrigierte die Europäische Zentralbank ihre BIP-Wachstumsprognose für 2018 von zwei auf 1,9 Prozent und für 2019 von 1,8 auf 1,7 Prozent.

    Nur die Prognose für 2020 ist unverändert geblieben: Das BIP soll dann um 1,7 Prozent wachsen. Aber 2021 erwartet man in Brüssel 1,5 Prozent.

    Dabei muss man sich Draghi zufolge auf einen Inflationsanstieg gefasst machen. Die EZB-Prognose lautet jetzt 1,8 Prozent (statt 1,7 Prozent) im scheidenden Jahr, 1,6 Prozent (statt 1,7 Prozent) 2019 und 2020 sowie 1,8 Prozent 2021.

    Die von Gazeta.ru befragten Experten sehen die Ergebnisse der EZB-Sitzung unterschiedlich.

    Es ist ihnen zufolge nicht ganz klar, ob das europäische QE-Programm sein Hauptziel erreicht hat: die Wirtschaft anzukurbeln, wenn man bedenkt, dass die EZB selbst eine Verlangsamung des BIP-Wachstums prognostiziert.

    Eine andere Frage ist, ob das unter den aktuellen Bedingungen überhaupt möglich wäre. Denn die EU-Wirtschaft legt um nur 1,5 Prozent jährlich zu, und die Arbeitslosigkeit in den südlichen EU-Ländern liegt bei etwa 20 Prozent.

    „Wenn man die monetären Bedingungen verschärfen würde, könnte man dadurch neue Proteste provozieren, was gerade in Frankreich der Fall ist“, sagte der Experte des Internationalen Finanzzentrums, Wladimir Roschankowski.

    Auffallend ist, dass die letzte Frage auf der Pressekonferenz gerade den Protesten der „Gelbwesten“ in Frankreich und der möglichen Antwort der Zentralbanken darauf gewidmet war. Draghi vermied eine direkte Antwort: „Wir verurteilen Gewalt, aber das Recht auf Protest ist Teil der Demokratie. Ich bin sicher, dass die französische Führung dieses Problem bestens in den Griff bekommt.“

    Offiziell wurde das Programm zum Kauf von Staatsanleihen abgeschlossen, aber praktisch wird es wohl nicht dazu kommen, dass der europäische Schuldverschreibungsmarkt keine Unterstützung mehr bekommen wird.

    „Die EZB wird wohl weiterhin relativ geringe Mengen von Staatsanleihen kaufen, selbst nach der ersten Anhebung des Zinssatzes“, zeigte sich Puschkarew überzeugt.

    „Früher verfügte die EZB jeden Monat über eine gewisse Summe, die dafür ausgegeben wurde. Jetzt werden die Obligationen  je nach Bedarf gekauft“, stimmte Kollege Roschankowski zu. „Das QE-Programm wird oft damit verglichen, dass der Hund sich selbst in den Schwanz beißt – denn die Staatsanleihen  werden großenteils für Geld gekauft, das die EZB druckt, und nicht für Investorengeld“, so Puschkarew weiter.

    Keine Wachstumsanreize mehr, aber Wachstum bleibt aus

    Der Branchenkenner sieht keinen Widerspruch zwischen dem Abschluss des QE-Programms und der Verlangsamung des Wirtschaftswachstums. „Die ziemlich verbreiteten Schlussfolgerungen, die europäische Wirtschaft würde sich verlangsamen, stimmen nicht ganz – davon sprach auch Mario Draghi heute. In den letzten zwei Jahren ist das Wachstum in Europa durchaus bemerkenswert. Es ist aber kein Wunder, dass nach dem vorjährigen Wachstum sein Tempo jetzt etwas langsamer wurde“, betonte er.

    Dabei führte Puschkarew diese Verlangsamung vor allem auf den äußeren Druck (Protektionismus des US-Präsidenten Trump, Handelskriege, Turbulenzen an den Börsen) und „weniger auf Probleme unmittelbar in Europa“ zurück.

    Als der EZB-Vorsitzende auf seiner Pressekonferenz gefragt wurde, wann der Leitzinssatz angehoben werden könnte, wollte er wieder nicht direkt antworten und sagte nur, man müsste sich den Zustand der Wirtschaft ansehen, generell vorsichtig vorgehen usw.

    „Draghi gab wieder keine klare Antwort, sagte aber später, dass die Leitzinsen ‚wenigstens den Sommer über‘ unverändert bleiben würden. September ist der wahrscheinlichste Zeitpunkt für die Anhebung des Leitzinses“, so Puschkarew.

    Und das Federal Reserve System (US-Notenbank) wird am 19. Dezember den Leitzinssatz voraussichtlich erhöhen. Puschkarew zufolge glauben die meisten Marktteilnehmer daran. „Falls diese Prognose in Erfüllung geht, würde das mittelfristig zu einem Anstieg des Eurokurses gegenüber dem Dollar auf 1,25 bis 1,3 Euro für den Dollar führen“, vermutete der  Experte.

    Für den Wechselkurs des russischen Rubels gegenüber dem Euro wird die jüngste EZB-Sitzung keine unmittelbare Rolle spielen. Aber längerfristig wäre es günstiger, Geld in Euro und nicht in US-Dollar zu halten, resümierte Puschkarew.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Handelskrieg, Turbulenzen, Staatsanleihen, Börse, Rezession, Währung, Dollar, Euro, Europäische Zentralbank (EZB), Eurozone, Donald Trump, Mario Draghi, Europa, USA