05:39 17 November 2019
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    US-Raketenzerstörer USS Roosevelt während einer Übung (Archivbild)

    „Goldbarren“ zum Verballern: US Navy testet hyperteures Schnellgeschoss

    © Foto: U.S. Navy / Mass Communication Specialist 3rd Class Justin Wolpert
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    Die US-Marine hat ein sehr spezielles Projektil aus einer ganz gewöhnlichen Kanone abgefeuert: das Hyper Velocity Projectile (HVP). US-Medien vermelden den Testschuss als Erfolg. Man hofft auf eine günstige und stärkere Alternative zum Standardgeschoss. Was andere Experten von der „Innovation“ halten, berichtet die Zeitung „Wsgljad“.

    Es war ein Test, um zu beweisen, dass eine 40 Jahre alte Deckkanone eines Kriegsschiffs noch als moderne Waffe taugt. Die „USS Dewey“, ein Zerstörer der US-Marine, hatte bei einer Übung im vergangenen Sommer das neuartige Hypergeschwindigkeitsprojektil aus einem 127-mm-Geschütz abgefeuert. Dank HVP soll die alte Kanone zu einer „effektiven und kostengünstigen Waffe gegen Flugkörper und Drohnen“ werden, schreibt das Fachportal „USNI News“ laut der Zeitung.

    Ursprünglich wurde HVP als Geschoss für die elektromagnetische Railgun entwickelt. Seit dem Ersten Weltkrieg träumt man schon von dieser Wunderwaffe, so die Zeitung. Das Prinzip: Ein Projektil ohne Treibladung, ohne Sprengstoff, ohne Zünder wird in einem Magnetfeld auf enormes Tempo beschleunigt. Schlägt das Geschoss auf eine Zielfläche ein, zerstört es sie kraft seiner kinetischen Energie.

    Außer hyperhohen Entwicklungskosten haben Railguns bislang aber nichts gebracht – unter anderem aus diesem Grund, schreibt das Blatt: „Die Projektile einer Railgun fliegen strikt geradeaus. Das Ziel treffen Geschosse aber nur, wenn sie es auf einer ballistischen Flugbahn ansteuern“, sagt der Militärexperte und Fachjournalist Alexei Leonkow.

    Bei der Fluggeschwindigkeit zeigen die Railgun-Geschosse ebenfalls nicht die erhofften Ergebnisse. Deren Zukunft sei deshalb ungewiss: Einige elektromagnetische Kanonen wurden zwar gebaut, das Programm ist aber eingestellt worden. Zu teuer seien die Waffen im Bau und im Betrieb. „Es sind Unmengen an Strom nötig, damit die Railguns funktionieren“, wird der Experte Konstantin Siwkow von der Russischen Akademie für Artilleriewesen zitiert.   

    Das kann denn auch der Grund dafür sein, dass die US Navy mit HVP experimentiert. Neben Abschüssen aus dem 127-mm-Deckgeschütz testen die Streitkräfte den Einsatz von Hypergeschwindigkeitsprojektilen auch aus 155-mm-Rohren. Die Projektile wurden dafür speziell modifiziert, erklärt der Hersteller BAE Systems laut der Zeitung.

    Raketenzerstörer USS Dewey der US-Kriegsflotte (Archivbild)
    © Foto : U.S. Navy / Mass Communication Specialist 2nd Class John Philip Wagner, Jr.
    Raketenzerstörer USS Dewey der US-Kriegsflotte (Archivbild)

    Das ist der Vorteil, wenn HVPs in Standardkanonen eingesetzt werden, sagt Militärexperte Sergei Denissenzew vom Zentrum für Strategie- und Technologieanalysen gegenüber der Zeitung: „Bei der Modifizierung handelt es sich nicht um unterschiedliche Projektile, sondern um modular aufsetzbare Kassetten, die es möglich machen, ein und denselben Geschosstyp aus verschiedenen Geschützen abzufeuern.“

    Dadurch sollen die bereits vorhandenen Artilleriesysteme effektiver genutzt werden – durch höheres Flugtempo und größere Reichweite der Projektile. Doch: „Die Geschwindigkeit des Projektils ist heute weniger wichtig. Sehr viel wichtiger sind die Feuerleitung und die Zielführung. Es kommt ja darauf an, dass das Geschoss nicht einfach irgendwohin fliegt, sondern ins Ziel, das sich womöglich auch noch bewegt und dem Beschuss ausweicht“, sagt Analyst Denissenzew laut dem Blatt. „Kriegen die Amerikaner dieses Problem in den Griff, haben sie einen echten Durchbruch erzielt. Aber eben erst dann.“

    Damit die Hypergeschwindigkeitsprojektile auch wirklich ins Ziel fliegen, werden sie ähnlich konstruiert wie ganz normale Artilleriegeschosse – das heißt, sie werden mit einem Leitwerk versehen. „Brechstangen mit Flügeln“, nennt Experte Leonkow diese Konstruktion. „Nur ist das Material, aus dem diese Projektile gefertigt werden, um ein Vielfaches teurer als das der üblichen Geschosse. Wenn die Amerikaner mit Goldbarren schießen wollen, sollen sie es halt tun.“

    Indes sagen amerikanische Experten laut dem Blatt, dass der Einsatz der HVPs sich rechnen könne: Ein Projektil kostet 75.000 bis 100.000 Dollar. Würde man es aus Deckkanonen gegen Raketen und Drohnen einsetzen, könnte man eine Flugabwehrrakete – etwa eine ESSM oder RAM – im Wert von einer bis zwei Millionen einsparen.

    Experte Leonkow ist jedoch skeptisch: „Die Projektile gegen Flugziele zu richten, ist natürlich möglich. Aber treffen sie denn auch? Wenn man das mit einem Fla-Geschütz vergleicht, so ist da das Prinzip ein ganz anderes. Bei einer Fla-Kanone werden meist Splittergeschosse eingesetzt. Sie detonieren, und die Subprojektile zerstören das Ziel. HVP aber ist ein aus teuren Legierungen gegossenes Metallstück. Auf kurze Distanz wird man damit vielleicht etwas abschießen können, aber auf lange Entfernung… Eine kleine Abweichung nur, und das teure Projektil ist futsch“, so der Fachmann laut dem Blatt.

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    Tags:
    Geldverschwendung, Geschütz, Raketenzerstörer, Hyperschallwaffen, Kriegsflotte, Test, Artillerie, Railgun, U.S. Navy, USA