17:35 18 Februar 2019
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    Raketensysteme des Typs Totschka-U der ukrainischen Armee bei Militärparade zum Tag der Unabhängigkeit in Kiew (Archivbild)

    INF-Vertrag: Für Kiews Raketenprogramm kommt das Abrüstungsaus wie gerufen

    © Sputnik / Pressedienst des ukrainischen Präsidenten / Nikolaj Lasarenko
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    Swobodnaja Pressa
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    Das Ende des INF-Vertrags hat einen überraschenden Teilaspekt: Namhafte Experten aus der Ukraine sehen im Ausstieg der Vereinigten Staaten aus dieser wichtigen Abrüstungsvereinbarung neue militärische Möglichkeiten für ihr Land, schreibt das Portal „Swobodnaja pressa“.

    Für Kiew ist das Ende des INF-Vertrages die Gelegenheit, sich endlich strategische Raketenwaffen zuzulegen. Diesen laut dem Portal sehr gefährlichen Vorschlag hat die renommierte ukrainische Politologin Polina Sinowez geäußert. Die Wissenschaftlerin ist an der Universität Odessa tätig und leitet dort das Zentrum für Fragen der Nicht-Verbreitung von Kernwaffen.

    Um präziser zu sein: Die ukrainische Expertin für strategische Waffensysteme schlägt laut dem Portal vor, Kiew soll die Vereinbarungen aus dem Kontrollregime für Raketentechnologie ignorieren und mit dem Bau von Raketen beginnen, die für die „effektive Eindämmung Russlands“ notwendig seien. Vorher müsse natürlich die Zustimmung der Vereinigten Staaten eingeholt werden.

    Da das „Kontrollregime für Raketentechnologie“ in der öffentlichen Debatte selten erwähnt wird, sei an die Eckpunkte dieser wichtigen Einrichtung erinnert. Das Ziel des Kontrollregimes ist es, den Export von Technologien zu kontrollieren, die dazu verwendet werden könnten, nuklearfähige Flugkörper oder Drohnen herzustellen. Konkret: Das Kontrollregime verbietet die Verbreitung von Waffensystemen mit einer Kampflast von mehr als 500 Kilogramm und einer Reichweite von mindestens 300 Kilometern. 32 Länder sind dem Kontrollregime bisher beigetreten, darunter auch die Ukraine.

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    Und offensichtlich wird diese Vereinbarung für Kiew immer mehr zum Störfaktor, schreibt „Swobodnaja pressa“. Weder ukrainische Politiker noch ukrainische Militärs machen einen Hehl daraus, dass sie sich Raketensysteme wünschen, die eine spürbare Gefahr für Russland wären.

    Das ukrainische Raketensystem „Olcha“ auf dem Testgelände (Archivbild)
    © AP Photo / Presidential Press Service Pool / Mykola Lazarenko

    Es müssten Raketen mit einer Reichweite von circa 1.500 Kilometern sein, erklären ukrainische Politiker, Strategen und Experten immer mal wieder. Zum Beispiel: Flugkörper mit einer Reichweite von 1.500 km würden Kiews Position bei der „euroatlantischen Integration“ stärken. „Mit ein- bis zweihundert solcher Raketen im Arsenal könnte Kiew der russischen Führung seine Bedingungen diktieren“, sagte laut dem Portal der namhafte ukrainische Militärexperte Walentin Badrak im Oktober 2018 dem TV-Sender „UkrLife“.

    Die Entwicklung solcher Raketen wäre für die Ukraine schwierig aber möglich, sagt Generaloberst Wiktor Jessin, ehemaliger Stabschef der russischen strategischen Raketenkräfte, laut dem Portal:

    „Die wissenschaftlichen Grundlagen sind vorhanden. Die technischen Voraussetzungen sind den Ukrainern zwar abhandengekommen, lassen sich aber zügig neuaufbauen. Wann die Rakete einsatzreif sein könnte, ist schwierig zu sagen. Es fehlen zuverlässige Informationen über den Zustand der ukrainischen Rüstungsindustrie.“

    Klingt nach einer objektiven Einschätzung. Es ist jedenfalls kein Geheimnis, dass der ukrainische Raketenbauer „KB Juschnoje“ – ein seit Sowjetzeiten namhaftes Konstruktionsbüro – seine Arbeiten am Marschflugkörper „Sapsan“ forciert hat. Unter dem Codenamen Sapsan (zu Deutsch: „Wanderfalke“) verbirgt sich ein ausgeklügeltes Waffensystem, das in der Lage sein soll, mit drei unterschiedlichen Typen von Raketen sowohl Boden- als auch Luft- und Seeziele zu bekämpfen.

    Die für die Bekämpfung von Bodenzielen bestimmte Rakete heißt „Grom-2“ (dt.: „Donner-2“). Die Verantwortlichen in Kiew sagen, es handele sich um ein Gegenstück zur russischen Rakete „Iskander-M“. Demnach ist es also ein mobiles Boden-Boden-Raketensystem mit einem Einsatzradius von 300 bis rund 450 Kilometern. Für Moskau wäre die ukrainische Rakete insofern keine Gefahr – für die Krim und für Sewastopol umso mehr.

    Entschärft wird diese Bedrohung zunächst durch die Ergebnisse der Tests, die der ukrainische Entwickler am „Sapsan“-System vor einem Jahr vorgenommen hat. Laut dem Portal ist der Vorprototyp des Raketentriebwerks auf dem Teststand explodiert, „wegen nicht einkalkulierten Anstiegs des Betriebsdrucks“, wie es heißt.

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    Optimistische Schätzungen gehen deshalb davon aus, dass mit der Dienstreife der neuen Waffe nicht vor 2021 zu rechnen sei. Aber die Kiewer Führung hat einen weiteren Hoffnungsträger: die Rakete „Korschun“ („Milan“) – auch eine Entwicklung des KB Juschnoje.

    In der Vergangenheit erklärte Kiew, die Reichweite dieser Boden-Boden-Rakete liege unterhalb des Grenzwerts von 500 Kilometern, der im INF-Vertrag festgelegt wurde. Doch es ist allzu deutlich, dass die Kiewer Führung die Entwickler gleich zu Anfang damit beauftragt hatte, eine Möglichkeit zur Reichweitensteigerung bei dieser Rakete einzuplanen, schreibt das Portal.

    Jedenfalls ist die ukrainische „Korschun“ in Auslegung und Abmessungen praktisch identisch mit dem sowjetischen Marschflugkörper Ch-55. Der hatte eine Reichweite von 2.500 Kilometern. Gebaut wurde die Ch-55 zu Sowjetzeiten in der Ukraine…

    Also: Das Ende des INF-Vertrags spielt auch den Politikern in Kiew in die Hände, schreibt das Portal. Rechtlich sind ihnen beim Raketenprogramm keine Grenzen mehr gesetzt. Die technischen und finanziellen Probleme bei der Entwicklung der Raketen lassen sich mithilfe der Amerikaner lösen. Bleibt nur, das Kontrollregime für Raketentechnologie zu ignorieren, wie es die Politologin Sinowez vorschlägt.

    Vom Erfolg ukrainischer Raketeningenieure würden übrigens auch die US-Strategen profitieren: Würden die „Korschun“-Raketen beispielsweise in der Nähe von Charkiw stationiert, stünden unweit der russischen Grenze Flugkörper bereit, die bei Leistung und Schlagkraft den amerikanischen „Tomahawks“ sehr ähnlich wären.

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    Die ukrainischen Flugkörper, sollten sie mit westlicher Hilfe einsatzreif entwickelt werden, wären mehr als eine Drohgebärde. In deren Einsatzradius befände sich schließlich nicht nur die russische Hauptstadt: Auch russische Kernkraftwerke – die von Woronesch oder Rostow zum Beispiel – wären mögliche Ziele für die ukrainischen „Raubvögel“.

    Eine abwegige Vorstellung? Wer weiß. Es ist nur, dass auf den Straßen von Kiew längst Kahlköpfe bei Fackelzügen marschieren. Dass die sich vom vernünftigen Zureden nicht aufhalten lassen, ist bekannt.

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    Tags:
    Kriegsgefahr, Rakete, Atomkraftwerk, Zerstörung, Marschflugkörper, Eskalation, Abrüstung, Tomahawk-Marschflugkörper, Ch-55SM, Grom 2, INF-Vertrag, Iskander-M, KB Juschnoje, Verteidigungsministerium der Ukraine, Pentagon, NATO, Donald Trump, Petro Poroschenko, Sowjetunion, UdSSR, USA, Russland, Ukraine