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    US-Jagdflugzeug des Typs P-51 Mustang (Archivbild)

    Erst auf Balkan, dann vor Berlin: US Air Force bekämpft die Sowjets – nicht die Nazis

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    Ein Luftangriff der US Air Force gegen eine Marschkolonne der Roten Armee im Süden Jugoslawiens 1944 und eine Attacke gegen sowjetische Jagdflugzeuge unweit von Berlin wenige Monate später – waren das nur Zufälle oder heimtückische Provokationen? Historiker Juri Rubzow geht in einem Beitrag für das Portal „Swesda“ der Sache auf den Grund.

    Eine Fahrzeugkolonne zog am 7. November 1944 aus der Stadt Niš im Süden Jugoslawiens hoch in die Berge. Es war das 6. Infanteriekorps der 37. Armee der Sowjettruppen, die jugoslawische Stadt lag bereits im rückwärtigen Armeegebiet. Plötzlich brach ein Feuersturm über den Treck herein: Wieder und wieder griffen Flugzeuge die Sowjets an, an deren Tragflächen klar und deutlich Abzeichen der US Air Force zu erkennen waren.

    Später wird man aus einem Bericht des sowjetischen Generalstabs erfahren, dass bei dem Angriff zwanzig Lastwagen vernichtet und zehn Angehörige der Sowjetarmee getötet wurden. Drei sowjetische Jagdflugzeuge wurden abgeschossen, zwei Piloten starben.

    Was an dem Tag passiert war, wussten jahrelang nur eingeweihte Führungspolitiker und Militärs. Selbst Jahre nach der Tragödie waren die Details weitgehend unbekannt. Leider hatten auch unmittelbare Zeugen der Ereignisse keine Aufzeichnungen über den Vorfall hinterlassen.

    Vier Tage nach dem Luftangriff von Niš lag dem sowjetischen Oberbefehlshaber Josef Stalin ein ausführliches Dossier über die Attacke vor, erstellt vom Vize-Chef des Generalstabs der Roten Armee, Alexej Antonow. Dieser hatte vorher den Militärattaché der Vereinigten Staaten zu sich zitiert und über das Geschehen unterrichtet

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    In dem Protokoll heißt es: „Am 7. November dieses Jahres um 12:50 Uhr wurde eine Fahrzeugkolonne der Roten Armee zwischen den Städten Niš und Aleksinac (Jugoslawien) von einer aus 27 ‚Lightnings‘ bestehenden Gruppe amerikanischer Jagdflugzeuge angegriffen. Eine vom Flugplatz Niš aus gestartete Bereitschaftsgruppe sowjetischer Jagdflugzeuge wurde während des Steigflugs von denselben ‚Lightnings‘ attackiert – ungeachtet dessen, dass die Abzeichen der Luftstreitkräfte der Roten Armee deutlich erkennbar waren. (…) Dieser jeden Rahmen sprengende Angriff amerikanischer Flugzeuge auf eine Marschkolonne und ein Jagdgeschwader der Roten Armee stößt bei uns auf absolutes Unverständnis. Der Angriff fand im rückwärtigen Armeegebiet statt, 50 Kilometer hinter der Front, zwischen den Städten Niš und Aleksinac, deren Befreiung schon am 14. bis 16. Oktober vom sowjetischen Informationsbüro verkündet worden war. (…) Die US-Luftwaffe handelte ohne Absprache mit dem Generalstab der Roten Armee, was ebenfalls jeder Rechtfertigung entbehrt.“

    US-Bomber während eines Luftangriffs in Frankreich (Archivbild)
    © AP Photo / U.S. Army Air Force Photo
    US-Bomber während eines Luftangriffs in Frankreich (Archivbild)

    Der Vertreter der US-Führung reagierte darauf mit bloßem Bedauern und Beileidsbekundungen. Sogleich versuchte er, die Ursache der Tragödie auf die angeblich unzureichende Koordination zwischen den Alliiertentruppen zurückzuführen. Die Katastrophe hätte – aus Sicht der US-Führung – verhindert werden können, wären amerikanische Verbindungsoffiziere in den Frontstäben der Sowjetarmee anwesend gewesen.

    Einige brisante Details der Tragödie vom 7. November 1944 konnten dank den Erinnerungen des Luftwaffengenerals Boris Smirnow geklärt werden, der damals einen Jagdflugzeugverband befehligte. Gemeinsam mit einem Kollegen aus dem Frontstab inspizierte er den Absturzort einer der amerikanischen „Lightnings“ und entdeckte dabei eine Geländekarte, die dem amerikanischen Kampfpiloten gehörte.

    Der Plan war gut zu lesen – und machte die Sowjetoffiziere sprachlos. Eine auf der Karte aufgetragene rote Linie markierte die Flugroute der amerikanischen Jagdflugzeuge. Startpunkt war das italienische Bari, wo sich auch ein Stützpunkt der US Air Force befand. Das Auffällige: Die jugoslawischen Städte Niš und Aleksinac waren auf der Karte des US-Piloten besonders hervorgehoben, so wie man üblicherweise feindliche Ziele kennzeichnet …

    Für die Offiziere stand fest: Der Angriff der US Air Force war eine Provokation, eine meuchlerische Attacke – an die Ehrlichkeit des Bedauerns, das die Alliierten zum Ausdruck brachten, war nicht zu glauben. Die Sowjetführung wertete den Vorfall jedoch als Ergebnis von Navigationsfehlern, also als tragischen Zufall.

    US-Jagdbomber des Typs P-38 Lightning (Archivbild)
    US-Jagdbomber des Typs P-38 Lightning (Archivbild)

    Nicht ausgeschlossen, dass Stalin in der Tragödie eine bewusste Provokation erkannte. Dass die Amerikaner auf diese blutige Weise versucht haben könnten, die Einsetzung ihrer Verbindungsoffiziere in den sowjetischen Stäben zu erzwingen, ist zumindest denkbar.

    Derlei Beobachter, die die Pläne der Sowjetarmee in Osteuropa auskundschaften würden, wollte Stalin in seiner Armee sicherlich nicht zulassen. Aber den Angriff von Niš zu einem Skandal aufzublasen, war auch nicht in seinem Interesse. Das hätte das Lend-Lease-Programm gefährden können, nach dem die Sowjetarmee allein 1944 knapp 6.000 Flugzeuge erhielt.

    Wie dem auch sei: Nur wenige Monate später, im März 1945, musste der Vize-Chef des Generalstabs, Alexej Antonow, den amerikanischen Militärattaché erneut über die näheren Umstände eines tragischen Vorfalls unterrichten.

    „Am 18. März 1945 zwischen 13:15 Uhr und 13:30 Uhr flogen über der Stellung der Sowjettruppen am östlichen Oder-Ufer nördlich der Stadt Küstrin acht Gruppen amerikanischer Bomber des Typs ‚Fliegende Festung‘, begleitet von Jagdflugzeugen des Typs ‚Mustang‘, in nördliche Richtung. Der Verband wurde von deutschen Jagdflugzeugen verfolgt. Zur selben Zeit befanden sich 35 Kilometer nördlich von Küstrin sechs sowjetische Jagdflugzeuge in der Luft. Als die sowjetischen Kampfpiloten die deutschen Jagdflugzeuge bemerkt hatten, griffen sie sie an, worauf sie im Gegenzug von den amerikanischen Jagdflugzeugen attackiert wurden“, heißt es im offiziellen Schreiben an den Attaché.

    Einem Luftkampf gegen die Amerikaner seien die Sowjetpiloten ausgewichen. „Dessen ungeachtet setzten die amerikanischen Jäger die Verfolgung der sowjetischen Flugzeuge fort.“ Alle sechs Jagdflugzeuge der Roten Armee wurden abgeschossen, zwei Piloten starben, einer überlebte schwerverletzt.

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    „Dieser unerhörte Vorfall ereignete sich in einer Situation, wo die sowjetischen, britischen und amerikanischen Luftwaffenstäbe eine Entgrenzungszone für die Kampfhandlungen ihrer Luftstreitkräfte vereinbart hatte, die 50 Kilometer westlich des Gebiets verläuft, in dem es zu dem Vorfall kam. Über den anstehenden Überflug amerikanischer Bomber über diesem Gebiet war keine Meldung an die sowjetische Front abgegeben worden.“

    Man will ja nicht gleich vom Schlimmen ausgehen, aber das Gefühl, dass die US Air Force sich am Himmel über Deutschland auf künftige Kämpfe gegen die Rote Armee einschoss, wird man nicht los.

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    Geheimnis, Luftschlag, Luftangriffe, Opfer, Kalter Krieg, Der Zweite Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, U.S. Air Force, Rote Armee, USAF, Nis, Drittes Reich, Sowjetunion, Jugoslawien, UdSSR, Deutschland, USA, Russland