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17:36 20 Juli 2019
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    Kampfjet des Typs F-35

    Europäischer Rüstungsbau: Geheime Intrigen um Kampfjet der 6. Generation

    © Foto: U.S. Air Force / Staff Sgt. Jensen Stidham
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    Europa ist zwar zu interessanten und aussichtsreichen Entwicklungen fähig, doch Russland und die USA, die bereits über notwendige Technologien verfügen, werden kaum auf die Entstehung einer Maschine der 6. Generation bei der Konkurrenz warten, schreibt die Wochenzeitschrift „Swesda“.

    Die Verteidigungsminister Frankreichs, Deutschlands und Spaniens – Florence Parly, Ursula von der Leyen und Margarita Robles – haben eine gemeinsame Absichtserklärung zur Aufnahme der Arbeit am Future Combat Air System unterzeichnet. Der Anschluss Spaniens ist mit einer Extra-Intrige in der europäischen Rüstungsindustrie verbunden. Nun kann das Programm eine zusätzliche Finanzierung Brüssels beantragen (dazu sind mindestens drei Teilnehmerländer des Projekts erforderlich).

    Intrige eins

    Die Seiten geben zu, dass Frankreich die Führungsrolle bei der Entwicklung eines neuen Kampfjets einnehmen wird. Diese Entscheidung ist wohl gerechtfertigt, weil Frankreich die führende Luftfahrtmacht in der Europäischen Gemeinschaft ist. Mit der Schaffung einer aussichtsreichen Plattform soll sich der europäische Konzern Airbus zusammen mit dem privaten Flugzeugbauer Dassault Aviation, Entwickler des französischen Mehrzweck-Kampfjets Rafale, befassen. Interessant ist dabei, dass in der westeuropäischen Rüstungsbranche doch eine gewisse Parität zu erkennen ist, weil Deutschland die Hauptrolle bei der Entwicklung eines neuen Panzers bekommt (Main Ground Combat System).

    Laut der Roadmap sollen die Skizzen der neuen Plattform um das Jahr 2025 herum entstehen. Die Serienproduktion und Übergabe an das Militär ist nicht früher als 2035-2040 geplant.

    Doch warum haben die Europäer gerade jetzt beschlossen, die Arbeiten aufzunehmen? Im politisch-technischen Hintergrund der Entwicklung des neuen Komplexes ist eine doppelte Intrige zu erkennen.

    Erstens wurde der Zeitpunkt zur offiziellen Ankündigung des Projektstarts Anfang 2019 gewählt, strikt gemäß dem von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron angekündigten Konzept der Entwicklung der französisch-deutschen Armee als Grundlage der europäischen Souveränität. Damit heben die Europäer die Unabhängigkeit ihrer Waffenprogramme von den USA hervor, wobei zugleich die Integration eines einheitlichen Rüstungskomplexes Europas gefestigt wird.

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    Die USA führen bereits seit langem Arbeiten zur aussichtsreichen Entwicklung des Projekts Northrop Grumman X-47B durch. Der Prototyp dieses Roboter-Flugzeugs absolviert derzeit Flugtests. Diese Mehrzweck-Drohne kann selbstständig Beschlüsse treffen, wenn die Leitzentrale die Kontrolle über das Fluggerät verliert. Eine solche Selbstständigkeit ist allerdings keine absolute Neuheit bei Kampffliegerkräften. Viele Modelle von modernen kleinen Militärdrohnen können selbstständig zum Stützpunkt zurückkehren, wenn es keinen Kontakt mit der Flugzentrale gibt.

    Intrige zwei

    Allerdings sollte hervorgehoben werden, dass die Absichtserklärung sozusagen nachträglich unterzeichnet wurde, weil die ersten Informationen über die Aufnahme der Arbeiten an FCAS bereits vor 4,5 Jahren in die Militärfachmagazine durchsickerten. Die Europäer führten de facto einen Teil der Arbeit durch. Eine offizielle Erklärung wurde jetzt im Rahmen von Europas Versuch gemacht, seine militärische Souveränität zurückzugewinnen.

    Präsident Francois Hollande war kaum zu solch einem starken Beschluss fähig. Der junge Emmanuel Macron kann, wie sich herausstellte, absolut unberechenbare Schritte für Washington beschließen.

    Zudem war es für das kontinentale Europa strategisch wichtig, eine eigene Initiative nach der Abtrennung Großbritanniens anzukündigen.

    Großbritannien kündigte vor kurzem das Projekt Commonwealth zur Schaffung eines eigenen Apparats der neuen Generation Tempest an.

    „Theorie der Horde“ und „Schwarmintelligenz in der Kampfwolke“

    Seit 2014 wurden also alle notwendigen Arbeiten zur Schaffung eines Flugzeugs der 6. Generation eingeleitet. Was unterscheidet es von seinen Vorgängern? Die neue Plattform soll einer neuen Vision des Luftkriegs und der Luftherrschaft entsprechen.

    Das moderne Konzept der Luftverteidigung jedes Landes basiert auf einem Grundprinzip, das bereits in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts von dem italienischen General und Theoretiker des Luftkriegs, Giulio Douhet, vorgelegt wurde. Er schlug vor, in der Luftfahrt die „Taktik der Nomaden“ anzuwenden. Ihm zufolge kann der Luftkampf nur nach dem Prinzip der beweglichen Zusammenstöße, Angriffen einer „Horde“, die in den fremden Raum eingreift und massive Bombenangriffe fliegt, geführt werden. Damals waren die meisten Experten ganz anderer Meinung. Später ermöglichte die „Theorie der Horde“ eine effektive Anwendung von Erdkampfflugzeugen und die Schaffung von polyvalenten Flugzeugen, die sowohl gegen den Boden als auch in der Luft agieren.

    Die Theorie von Douhet wurde nach der Entstehung der Drohnen nachgebessert. Für ihren Einsatz wurde von Programmierern ein spezieller Algorithmus entdeckt, der die so genannte „Schwarmintelligenz in der Kampfwolke“ ermöglichte. Bei der Nutzung dieses Programms verhalten sich kleine Drohnen wie Fische in einer Schar bzw. Bienen im Schwarm. Die Geführten folgen den Führenden, die über höhere Kompetenzen beim Treffen von Beschlüssen verfügen. Bei einem Angriff verstreuen sie sich, wonach sie sich wieder versammeln.

    Der Kampfjet der 6. Generation soll imstande sein, nicht nur selbstständig die gestellte Aufgabe zu erfüllen, sondern auch ständig im Kontakt mit dem „Schwarm“ der Drohnen zu bleiben.

    Gerade diese Möglichkeiten zeigte 2018 der US-Kampfjet F-18, der einen bedingten Kampfflug zusammen mit Drohnen absolvierte. In diesem Fall war das Programm zur Kopplung des Piloten und des Kampfroboters in einem taktischen Kettenglied das Merkmal der Luftstreitkräfte der 6. Generation.

    Im Grunde können US-Kampfjets der neuen Generation „Anführer“ einer Drohnen-Gruppe sein. Im Falle eines Luftkriegs des neuen Typs würde der Mensch fernlenken und kontrollieren. An der Philosophie der Auseinandersetzungen des neuen Typs gibt es nichts, was revolutionär wäre, denn schon jetzt transportieren strategische Bomber oder Schiffe Raketen lediglich an einen gewissen Ort, und erst dort werden sie abgefeuert, um bereits selbst zu fliegen und Ziele im Sinne des entsprechenden Programms zu suchen.

    Dennoch ist offensichtlich, dass unbemannte Flugzeuge etwas andere Aufgaben als Raketen haben. Und für einen Kampfjet der 6. Generation müssen spezielle Protokolle für Gruppenflüge entwickelt werden.

    Und nun stellt sich heraus, dass vier Jahre vor dem offiziellen Start des Projekts zum Bau eines Kampfjets der 6. Generation und drei Jahre vor dem Start eines ähnlichen Projekts in Amerika der französische Konzern Dassault Aviation gemeinsame Flüge von Flugzeugen Rafale und Falcon mit Drohnen Neuron getestet hat. Die Ergebnisse dieser Tests wurden positiv bewertet. Und vier Monate vor der offiziellen Ankündigung der Entwicklung des FCAS-Komplexes – im Oktober 2018 – erschienen in spezialisierten Medien Informationen über erfolgreiche Tests eines deutschen Kampfjets mit fünf Drohnen Do-DT25 (normalerweise werden sie als Zielscheiben für Boden-Luft-Raketen eingesetzt). Die Tests wurden von Airbus Defence & Space über der Ostsee – im deutschen Luftraum – durchgeführt.

    Wenn sich Kameraden nicht einigen können

    Das bedeutet, dass die erforderlichen Programme schon entwickelt worden sind. Dennoch wird es der französisch-deutsch-spanischen Allianz wohl nicht gelingen, die neue Plattform fertig zu bauen. Denn es wurden bei der Software-Entwicklung zwar offensichtliche Fortschritte gemacht, aber es bleibt unklar, wie die Erfolge bei der Entwicklung des Flugwerks und der wichtigsten Komponenten des künftigen Jets wirklich aussehen.

    Dabei wurde die allgemeine Konzeption schon den Massenmedien präsentiert. Es ist bekannt, dass die Konstrukteure auf das Nurflügel-Schema setzen. Dennoch ist klar, dass die Maschine am Ende des Tages ganz anders aussehen wird.

    Bis dato ist kein einziger technischer Parameter bekannt: weder die maximale Startmasse und die praktische maximale Flughöhe, noch die Geschwindigkeit und die Flugweite, usw.

    Bekannt ist lediglich, dass der französische Konzern Safran gemeinsam mit seinen deutschen Partnern von MTU Aero Engines den Motor entwickeln wird. Wenn man von den Charakteristiken des russischen Kampfjets derselben Klasse (möglicherweise wird das eine vervollkommnete Su-57-Version sein) ausgeht, dann müsste sein westliches Pendant nicht nur in der Stratosphäre, sondern auch im nahen Weltraum handeln können. Mit anderen Worten wäre nur eine kombinierte Raketen-Düsen-Variante möglich. Und es stellt sich die Frage, ob die französisch-deutsche Allianz so etwas entwickeln könnte.

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    Noch müssen sich die europäischen Ingenieure damit auseinandersetzen, wie der künftige Kampfjet zu schützen wäre. Unter anderem geht es um die Vervollkommnung ihrer eigenen Version des Radio-Photon-Breitband-Radars (in Russland gibt es ein solches Modell schon seit mehr als zwei Jahren, das gerade getestet wird). Auch braucht die neue Maschine einen Laser-Schutz, der Eigenlenkungs-Raketensprengköpfe vernichten würde (im Unterschied zu Russland haben die Europäer solche Systeme ebenfalls nicht).

    Auf dem Weg zur Umsetzung dieses Projekts gibt es auch rein kommerzielle Argumente. Erstens haben die Deutschen noch keine klare Vorstellung, was für einen Kampfjet sie eigentlich haben wollen – nur für die europäischen Streitkräfte oder auch eine Export-Modifikation. Also steht die Basiskonzeption immer noch nicht fest.

    Alle interessierten Konzerne betrachten einander als Konkurrenz, denn der Gewinner wird einen Riesenauftrag bekommen – und das macht die Sache nicht gerade leichter.

    Die Franzosen aus der Gruppe THALES, die sich traditionell auf die Entwicklung der Avionik für französische Kampfjets spezialisieren, sollen sich auch am neuen Projekt beteiligen. Aber die Deutschen (Gruppe Hensoldt) verlangen einen größeren Auftrag (unter anderem ebenfalls im Avionik-Bereich) – andernfalls drohen sie, aus dem Projekt auszusteigen.

    Und es entsteht die Situation, dass die Auftraggeber (DGA (Frankreich) und BAAINBw (Deutschland)) sich nicht einigen können.

    In diesem Kontext sind die schmerzlichen Erfahrungen aus der Entwicklung des Kampfjet-Projekts der vierten Generation (Eurofighter Typhoon) erwähnenswert. 2003 begann die Serienproduktion, aber plötzlich stellte sich heraus, dass die neuen Maschinen im Nebel und in der Dunkelheit schlecht flogen und schossen. Bei der Überprüfung wurde festgestellt, dass es Probleme bei der Anpassung verschiedener Elemente gab, die in verschiedenen Ländern hergestellt wurden. Bei den Franzosen gab es bisher keine Probleme dieser Art, denn ihr Modell Rafale Mirage wurde nur in Frankreich entwickelt und gebaut. Aber Paris wird die Entwicklung der neuen Plattform im Alleingang wohl nicht verkraften.

    Ob sich die Amerikaner europäische Konkurrenz gefallen ließen?

    Dabei müsste man auch daran denken, dass sich die USA den Verlust eines großen Absatzmarkts (schätzungsweise bis zu 2500 Kampfjets) nicht gefallen lassen werden. Die Amerikaner haben den Vorteil, dass sie ihre Flugzeuge selbstständig entwickeln und bauen und bei der Arbeit am Kampfjet der 6. Generation schon wesentliche Fortschritte gemacht haben. So wurde noch im Sommer 2018 verkündet, dass der Konzern Lockheed Martin beinahe ein solches Modell auf der F-35-Plattform entwickelt hätte, wobei die Firma Pratt&Whitney passende Motoren hätte.

    Produktion des US-Kampfjets F-35 (Archivbild)
    © AP Photo / Globe Newswire

    Angesichts dessen muss man sagen, dass die Ansprüche der Europäer an die Entwicklung des neusten Kampfjets genauso begründet sind wie die jüngste Behauptung des schwedischen Verteidigungsministers, der Kampfjet Gripen E (Saab, JAS) wäre besser als der legendäre „Russe“ Su-35. Natürlich sind die Europäer zur Entwicklung von aussichtsreichen Maschinen fähig, aber es ist unwahrscheinlich, dass Russland und die USA, die schon jetzt über die nötigen Technologien verfügen, passiv warten werden, bis ihre Konkurrenten ähnliche Maschinen entwickelt haben. Und in 15 oder 20 Jahren, die für die Entwicklung eines neuen Modells nötig sind, werden Moskau und Washington voraussichtlich noch modernere Flugtechnik haben.

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    Tags:
    Entwicklung, Kampfjet, Militärtechnik, Rafale, F-18, F-35, Su-35, Thales Avionics SAS, SAAB, Pratt & Whitney, Boeing, Lockheed Martin, USA, Frankreich