05:59 23 April 2019
SNA Radio
    Spanische Marine im Hafen Odessa

    Möge die Nato ihm beistehen: Kiewer Minister droht Moskau mit einem Streich auf See

    © Sputnik / Stringer
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    vpk.ru
    1713210

    Da wirft sich in Kiew einer in die schwache Brust: Man werde nochmal Schiffe in die Straße von Kertsch schicken, hat der ukrainische Verteidigungsminister auf einer Sicherheitstagung verkündet. Gemeint sind offensichtlich Kampfschiffe, schreibt das Portal „vpk-news“. Doch wie wäre es vorher mit einer Bestandsaufnahme eigener Kräfte, Herr Minister?

    Okay, so bald ist die angekündigte Durchfahrt der ukrainischen Schiffe durch die Straße von Kertsch wohl nicht zu erwarten. Erst wenn die „vollständige Bereitschaft unserer Seestreitkräfte und die Unterstützung unserer Partner“ gegeben sei, so Stepan Poltorak, soll die Mission starten. Dabei müsste der ukrainische Verteidigungsminister angesichts seines ambitionierten Vorhabens wissen, dass die Marine seines Landes von Jahr zu Jahr immer weniger einsatztaugliche Schiffe hat: Eine 27 Jahre alte Fregatte als Flaggschiff, ein bald 50 Jahre altes Landeschiff, eine Korvette im Reparaturdock… Dazu ein paar Schnellboote, Führungsschiffe, Versorger und Feuerlöschboote – das war’s, schreibt das Portal.

    Mehr noch: Auf das wenige Gerät, das da ist, ist kein Verlass. Die Fregatte „Hetman Sahaidatschnyj“ (jenes Flaggschiff) war nach einer planmäßigen Reparatur im Mai 2017 gleich wieder kaputt. Die ukrainischen Strafverfolgungsbehörden stellten laut dem Portal fest, dass der für die Instandsetzung des Schiffmotors zuständige Betrieb mit der Aufgabe überfordert war.

    Der Raketenkreuzer „Ukraina“ – das einzige der vier Schiffe der Klasse 1164, das die Ukraine von der Sowjetunion übernommen hatte – fuhr nie zur See, sondern rostete seit der Indienststellung 1990 an der Kaimauer in Mykolajiw vor sich hin, bis Präsident Poroschenko 2017 beschloss, die „Ukraina“ an Schrotthändler zu verkaufen – ein Schicksal, das die meisten Großkampfschiffe der ehemaligen UdSSR im ukrainischen Besitz ereilt hat.

    Selbst von ihren eigenen Admirälen lässt sich die Kiewer Militärführung nicht belehren. Die ukrainische Führung solle bitte realistisch sein, mahnte der pensionierte Vize-Admiral Sergej Gajduk unlängst: In wenigen Jahren werden die Reste der ukrainischen Flotte kampflos und von alleine untergehen, direkt an den Kaimauern in den Häfen, so der ehemalige Befehlshaber der ukrainischen Marine. Während die russischen Seestreitkräfte ihre Fähigkeiten seit 2014 ausbauten, könne die „Mosquito-Flotte“ nicht mal sich selbst beschützen.

    >>>Mehr zum Thema: USA liefern an die Ukraine „nutzlose“ Panzerabwehrraketen<<<

    Aber die Ukraine tut auch etwas für den Aufbau ihrer Marine. Seit 2011 baut man dort die Korvetten-Klasse 58250, eine Serie von insgesamt vier Schiffen soll es werden. 2012 sollte die erste Korvette vom Stapel laufen, für die Fertigstellung fand der Staat aber kein Geld. Im Sommer 2014 wurde das Projekt eingefroren.

    2022 soll das erste Schiff dieser Klasse aber fahren, verspricht die Kiewer Regierung – frühestens. Bis 2028 sollen die restlichen drei Korvetten folgen. Kosten wird der Bau der gesamten Schiffsklasse die spärliche Kiewer Staatskasse voraussichtlich 32 Milliarden Hrywnja, rund eine Milliarde Euro. Diese Berechnungen sind aber ohnehin reine Projektiererei, denn bisher steht nicht einmal das Baugeld für die erste Korvette zur Verfügung, sagte Vize-Admiral Igor Worontschenko, Befehlshaber der ukrainischen Marine, laut dem Portal.

    Ebenfalls voller Stolz hat Kiew verkündet, bis 2020 die ersten drei Raketenboote der Klasse 58260 zu bauen. Etwas Ähnliches ist auch wirklich fertiggestellt worden: ein Artillerieboot mit einem 76-mm-Geschütz für die Marine von Vietnam. Die ukrainischen Boote sollen jedoch mit dem Schiffsabwehrsystem „Neptun“ ausgerüstet werden.

    Diese Abwehrraketen würden nicht nur den „zuverlässigen Schutz der ukrainischen Küste“ sicherstellen, sondern auch „Seeziele in deren Stützpunkthäfen“ zerstören können, erklärte Oleksandr Turtschynow, Sekretär des Nationalen Sicherheitsrates der Ukraine, auf derselben Sicherheitstagung, auf der der ukrainische Verteidigungsminister die Mission in der Straße von Kertsch angedroht hat.

    Offensichtlich haben die ukrainischen Ingenieure mit der „Neptun“-Rakete ein Gegenstück zur russischen Ch-35 „Uran“ entwickelt. Bei einer Höchstreichweite von 130 Kilometern und einem Spitzentempo im Unterschallbereich dürfte der ukrainische Flugkörper für die schiffsbasierte russische Flugabwehr eine leichte Beute sein, schreibt „vpk-news“.

    Im März dieses Jahres wurde berichtet, ukrainische Seeoffiziere hätten eine Marinestrategie 2035 erarbeitet, deren Ziel es sei, die Interessen der Ukraine im Schwarzen und Asowschen Meer zu verteidigen. Der Plan soll in drei Etappen umgesetzt werden, schreibt das Portal.

    Etappe I – 2019 bis 2025: Betrifft küstennahe Gewässer, bis zu 40 Seemeilen vor der Küste. Hier soll innerhalb von fünf Jahren ein Frühwarnsystem aufgebaut werden, um rechtzeitig auf Gefahren reagieren zu können. Dazu gehört auch die Anschaffung von Schiffsabwehrsystemen.

    Etappe II – 2025 bis 2030: Die ukrainischen Seestreitkräfte sollen befähigt werden, in der ausschließlichen Wirtschaftszone (200 Seemeilen vor der Küste) zu agieren. Außer dem Aufbau eines Frühwarnsystems zählt die Aufstellung einer entsprechenden Flotte zum Maßnahmenkatalog.

    Etappe III – 2030 bis 2035: Die ukrainische Marine soll sich an Nato- und EU-Missionen auf hoher See beteiligen können. Dafür muss die ukrainische Flotte über Mehrzweckkampfschiffe der Korvetten-Klasse verfügen.

    Worauf sich die Umsetzung dieser Strategie stützen wird, ist angesichts des heutigen Zustands der ukrainischen Marine schwer zu begreifen. Alle Hoffnung fußt wahrscheinlich auf den USA. Washington hat Kiew bereits vorgeschlagen, einige eingemottete Patrouillenboote zu übergeben. Nur: Die haben keine Waffen – und mit „Neptun“-Raketen kann man sie nicht bestücken. Also wäre es eine weitere Schrottlieferung, schreibt das Portal.

    Was die Amerikaner den Ukrainern außerdem vorgeschlagen haben, ist die Lieferung (oder der Verkauf) alter Fregatten der Oliver-Hazard-Perry-Klasse. Deren Hauptaufgabe ist die Abwehr gegnerischer Flugzeuge und U-Boote beim Konvoi-Schutz. Entwickelt wurden die Fregatten hauptsächlich für den Export, 1975 wurden die ersten Schiffe in Dienst gestellt.

    Die Schiffe sind ordentlich bewaffnet: vier „Harpoon“-Raketen, 36 Raketen des Typs SM-1, zwei mal drei Torpedorohre, ein 76-mm-Geschütz und eine 20-mm-Maschinenkanone zur Flugabwehr. Die Besatzung besteht aus 200 Mann. Nach der Indienststellung wurden die Fregatten erweitert, um einen Bordhubschrauber aufnehmen zu können.

    Dennoch: Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Fregatten für ihre eigentlichen Aufgaben nur mäßig geeignet sind, schreibt das Portal. Diese Pötte soll Kiew bekommen – mindestens zwei, wie berichtet wird. Rund 200 Millionen Dollar könnten für den Kauf fällig werden, eine für Kiew spürbare Summe. Die Munition sowie die jährlichen Betriebs- und Instandhaltungskosten kommen noch hinzu.

    >>>Mehr zum Thema: Bundesmarine vor der Krim? Kiew träumt von deutscher Ordnung im Schwarzen Meer<<<

    Aber man wird der Kiewer Führung sicherlich unter die Arme greifen: Ein Teil des Geldes wird bestimmt als US-Militärhilfe zur Verfügung gestellt, der andere als langfristiger Kredit. Dies zur Beschaffung der veralteten Fregatten. Woher das Geld für den laufenden Unterhalt der Kampfschiffe kommen soll, ist unklar. Denn gegenwärtig fehlen der Ukraine sogar die Mittel, um eine nennenswerte Flotte von Patrouillenbooten aufzubauen. Und: Die US-Fregatten sind zwar im Schwarzen, aber nicht im Asowschen Meer einsetzbar – dieses Gewässer ist mit 15 Metern Tiefe dafür zu seicht.

    Aber: Dem ukrainischen Verteidigungsminister bleibt ja noch die Hoffnung auf den Beistand der Nato, wenn er seine Schiffe in die Straße von Kertsch entsendet. Wie die Unterstützung der Allianz in Taten aussehen würde, hat kürzlich das „Sea Shield“-Manöver im Schwarzen Meer eindrücklich demonstriert.

    20 Schiffe und 2.000 Militärangehörige aus mehreren Nato-Ländern nahmen an der Übung teil, die vom 5. bis 13. April in rumänischen Hoheitsgewässern stattfand. Trainiert wurde unter anderem die Abwehr einer nicht näher definierten „Aggression“ – ein Fingerzeig auf Russland. Ein wesentliches Übungsziel war laut Nato-Vertretung, die freie Durchfahrt ukrainischer Schiffe durch die Straße von Kertsch zu sichern.

    Nur: Schiffe aus den USA waren am Manöver im Schwarzen Meer nicht beteiligt. Warum nicht? Eben weil die Amerikaner wohl wissen, was sie vor der Straße von Kertsch erwarten würde: russische Fregatten und U-Boote mit „Kalibr“-Raketen, landgestützte Schiffsabwehrsysteme und Su-30-Jagdbomber am Himmel über der Krim, schreibt das Portal.

    Da machen es sich die Nato-Partner lieber im Hafen von Odessa bequem – und übertragen die Verantwortung für die Abwehr der „russischen Aggression“ auf ihre Bündniskollegen und solche, die es werden wollen. Doch um deren Schlagkraft steht es auch nicht besonders gut.

    Die rumänische Marine zum Beispiel, das sind: 8.000 Mann, ein paar von den Briten geschenkte Fregatten, mehrere uralte Raketenboote und ein U-Boot, das seit 1996 nicht mehr im Dienst war. Die Seestreitkräfte des Nachbarn Bulgarien stechen auch nicht sonderlich als Streitmacht hervor – sieht man einmal von den vier aufblasbaren Motorbooten ab, die die Bulgaren kürzlich von den USA als großzügige Hilfe erhalten haben.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Kriegsgefahr, Krise, Präsidentenwahl, Übung, Seemanöver, Ukraina, Harpoon-Rakete, Sea Shield 2019, NATO, Petro Poroschenko, Stepan Poltorak, Europa, Schwarzes Meer, Ukraine