04:24 16 Dezember 2019
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    Öl (Archiv)

    Rapider Ölpreisanstieg treibt Markt in Abgrund

    © REUTERS / VASILY FEDOSENKO
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    Die OPECPlus-Staaten übererfüllen ihre Verpflichtungen: Der Preis der Ölsorte Brent ist erstmals seit fünf Monaten auf mehr als 70 Dollar gestiegen. Das ist nicht erstaunlich angesichts der Tatsache, dass die OPECPlus-Staaten ihre Förderung drosselten – sowohl freiwillig als auch zum Teil gezwungenermaßen.

    Der Anstieg der Ölpreise angesichts der eher angespannten Lage der Weltwirtschaft könnte die Ölunternehmen in arge Bedrängnis bringen, genau wie das 2014 der Fall war. Die Zeitung „Iswestija“ hat die Entwicklung auf dem Ölmarkt genauer unter die Lupe genommen. Mehr zu diesem Thema – im Artikel der Zeitung „Iswestija“.

    Wort und Tat

    Seit Jahresbeginn ist der Ölpreis um fast 30 Prozent gestiegen. Innerhalb von etwas mehr als zwei Monaten kompensierte der Brent-Preis fast völlig den Rückgang vom Winter. Bis zum Höhepunkt nach der Ölkrise 2014 sind es noch rund 10 Dollar, doch angesichts der aktuellen Trends ist diese Marke durchaus erreichbar.

    Der Grund ist einfach – die Teilnehmerstaaten der Abkommen über die Drosselung der Ölförderung im Rahmen von OPEC und OPECPlus begannen, die übernommenen Verpflichtungen zu erfüllen. Mehr noch: Sie übererfüllen sie.

    In der Vergangenheit, besonders in den 2000er-Jahren und in der ersten Hälfte der 2010er-Jahre, war die OPEC eher ein Synonym einer ineffektiven Organisation. Ihre Mitglieder hielten sich regelmäßig nicht an die Quoten, wobei hunderte Tausend und sogar Millionen Barrel pro Tag über die vereinbarten Mengen hinaus produziert wurden. Letzten Endes verwandelten sich die OPEC-Treffen in ein reines Ritual und hatten keine ernsthaften Vereinbarungen zur Folge. Wozu braucht man Beschlüsse, wenn sie jedes Mal nicht erfüllt werden?

    Die Skepsis begleitete die Verhandlungen zwischen den OPEC-Ländern auch Ende 2016. Die Ölpreise beliefen sich damals auf weniger als 40 Dollar, und die Förderländer schnallten ihre Haushalts-Gürtel enger. Die OPEC beschloss sogar, diese Problematik mit Nicht-OPEC-Ländern zu besprechen, darunter mit Russland. Allerdings schien es damals, dass auch dieses Mal keine Vereinbarung erreicht würde, und wenn doch, dann würde kaum jemand sie erfüllen. Doch es kam anders.

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    Verantwortungsvolles Vorgehen

    Angesichts der ernsthaften Gefahr eines Preisverfalls schlossen sich die Ölproduzenten zusammen und zeigten Verantwortungsgefühl. Nach Bloomberg-Angaben erfüllten die Teilnehmerstaaten bereits zum Januar 2017 fast völlig die übernommenen Verpflichtungen, im Frühjahr wurden sie übererfüllt. Im Weiteren wurden die angenommenen Pläne sogar noch besser umgesetzt. Im Ergebnis kletterten die Preise nach oben, seit der zweiten Hälfte 2017 sank der Brent-Preis nicht mehr unter die 50-Dollar-Marke.

    Im vergangenen Winter fiel der Ölpreis zwar wieder, darauf reagierten die OPEC-Länder jedoch mit einer noch stärkeren Drosselung der Fördermengen. Im Februar wurden von den OPEC-Staaten 20.000 Barrel Öl pro Tag weniger als die festgelegten Kennzahlen gefördert. Im März kam es zu einer massiven Senkung – die gesamte OPEC-Fördermenge ging um mehr als 0,5 Mio. Barrel pro Tag zurück. Die Produktionsmenge der OPEC-Staaten näherte sich der Marke von 30 Mio. Barrel pro Tag, während es vor der Vereinbarung vom November 2016 etwas weniger als 33 Mio. Barrel waren. Seit etwas mehr als zwei Jahren lag der Rückgang bei knapp 2,6 Mio. Barrel pro Tag.

    Den größten Elan zeigte der größte Produzent – Saudi-Arabien. Im März 2019 wurden die übernommenen Verpflichtungen um 160 Prozent übererfüllt. In den vergangenen fünf Monaten sank die Ölproduktion fast um 1,2 Mio. auf 9,8 Mio. Barrel pro Tag. Diese Kennzahl ist fast so viel wie die gesamte Ölförderung in Großbritannien. Auf ähnliche Weise gingen auch andere Golfstaaten vor – Bahrain übererfüllte den Plan um 40 Prozent, die VAE um 14 Prozent, Kuwait um 18 Prozent. Mehr als die festgelegte Quote wird bislang nur im Irak gefördert, der Einnahmen zum Wiederaufbau nach dem Bürgerkrieg braucht.

    Unter den anderen OPEC-Ländern wird das Programm von Angola und Algerien übererfüllt. Von den zehn Staaten, die sich OPECPlus anschlossen, stehen vor allem Kasachstan und Mexiko hervor. Russland förderte im März Rohöl und Gaskondensat in einer Menge von 11,6 Mio. Barrel pro Tag, während die geplante Menge um 100.000 Barrel geringer war. Im Ganzen wird in den OPECPlus-Staaten mehr produziert als versprochen, doch das wird durch die niedrigeren Kennzahlen der OPEC-Staaten ausgeglichen.

    Allerdings nicht alle von ihnen drosseln die Ölförderung freiwillig. Venezuela, das die schwerste politische Krise seit 20 Jahren erlebt, verliert weiterhin Positionen. Die Ölförderung sank im März um fast 300.000 Barrel pro Tag. Auch der Export aus dem Iran erlebt nicht seine besten Zeiten – die Abnehmer des iranischen Öls können von möglichen US-Sanktionen betroffen werden.

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    Dunkle Seite

    Aus dieser Kombination einer bewussten und erzwungenen Drosselung ergeben sich die aktuellen Ölpreise. Dazu gehört auch die Passivität der US-Produzenten, die angesichts des winterlichen Preisrückgangs eine Anhebung der Förderung stoppten. Das OPEC-Treffen im April, wo der jetzige Kurs hätte korrigiert werden können, wurde auf Juni verschoben. Es scheint, dass nun glückliche Zeiten für die Produzenten beginnen, allerdings gibt es auch eine dunkle Seite.

    Nach Einschätzung des Reuters-Analysten John Kemp erinnert die aktuelle Situation auf dem Ölmarkt stark an jene von 2013-2014 vor dem Preisabsturz. Damals lag der Ölpreis vor dem Hintergrund der Iran-Sanktionen, des Bürgerkriegs in Libyen und der Offensive der ISIL-Extremisten* im Nordirak bei mehr als 100 Dollar. Saudi-Arabien und andere Produzenten beschlossen, keine Maßnahmen zu ergreifen und meinten, dass der Markt ausgewogen sei.

    Sie berücksichtigten nicht den Faktor US-Schieferöl, dessen Fördermenge seit einigen Jahren um mehrere Mio. Barrel pro Tag stieg. Der Markt wurde geflutet und stürzte in der zweiten Hälfte 2014 ab. Das Ergebnis dieses kurzsichtigen Vorgehens war eine Krise der gesamten Branche sowie der Staatsfinanzen in den Ländern, die vom Ölexport abhängen.

    Jetzt ist die Situation etwas anders – die Amerikaner könnten die Förderung zwar ausbauen, besonders wenn die Preise weiter nach oben gehen, doch dies würde kein Schock mehr für den Markt sein. Während die Wirtschaft von 2014 bis 2016 wuchs, sorgen die Signale der makroökonomischen Zahlen zu Beginn dieses Jahres nicht für Optimismus.

    Ölraffinerie von Citgo in Illinois, USA (Archivbild)
    © AFP 2019 / SCOTT OLSON / GETTY IMAGES NORTH AMERICA
    Deutschland steht am Rande einer Rezession, ihm könnten auch Italien und andere Länder der Eurozone folgen. Großbritannien ist in einer ungewissen Lage wegen des Brexit. Die chinesische Wirtschaft verlangsamt sich allmählich. Zudem könnte die Lage der chinesischen Wirtschaft weitaus schlechter sein als die offiziellen Zahlen besagen. Das BIP-Wachstum der USA soll Prognosen zufolge auf 2,3 Prozent in diesem Jahr sinken (im vergangenen Jahr waren es drei Prozent).

    Die Nachfrage wird im Falle eines starken Wachstums der Ölpreise weiter zurückgehen, das Öl muss mit erneuerbaren Energiequellen konkurrieren. Bei einem Preis von mehr als 100 Dollar könnten mehr Menschen Interesse an Elektroautos bzw. öffentlichen Verkehrsmitteln zeigen.

    Die Erfahrung des letzten Jahrzehnts zeigte, dass zu hohe Preise ebenso schädlich für die Industrie wie zu niedrige Preise sind. Wenn die Förderstaaten weiter zögern, den Markt ins Gleichgewicht zu bringen, wird er das selber tun – die Folgen werden niemandem gefallen.

    *IS (Islamischer Staat) – eine in Russland verbotene Terrororganisation

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