Widgets Magazine
04:27 24 Oktober 2019
SNA Radio
    Maschinenwerk in Nantong, China

    Chinas Wachstumsdelle schürt Angst vor globaler Krise

    © REUTERS / Stringer
    Zeitungen
    Zum Kurzlink
    Von
    5254
    Abonnieren

    Das Wachstum der chinesischen Wirtschaft hat sich im zweiten Quartal 2019 geringfügig verlangsamt. Dennoch sorgte selbst das geringe Nachlassen des Wachstums für große Befürchtungen unter Wirtschaftsexperten. Denn es handelt es sich um das niedrigste Wachstum Chinas seit fast 30 Jahren.

    Experten zufolge könnte die Verlangsamung des Wachstumstempos Vorbote einer neuen globalen Wirtschaftskrise sein, wie die Zeitung „vz.ru“ schreibt.

    Chinas Wirtschaft wuchs im ersten Quartal um 6,4 Prozent, im zweiten Quartal jedoch nur um 6,2 Prozent. Das ist das niedrigste Wachstumstempo der chinesischen Wirtschaft seit Beginn der Statistik-Führung im Jahr 1992. Selbst während der Finanzkrise 2008 belief sich das BIP-Wachstum auf 6,4 Prozent.

    Für Russland wäre ein BIP-Wachstum von 6,2 Prozent ein wahres Wunder. In China sorgt eine Kennzahl von 6,2 Prozent für große Beunruhigung, besonders vor dem Hintergrund des Handelskrieges mit den USA, der viele Risiken in sich birgt.

    Was ist da so angsteinflößend? Die chinesischen Behörden hatten sich 2010 zum Ziel gesetzt, die Wirtschaft zum Jahr 2020 zu verdoppeln. Während das zweistellige Wachstumstempo zunächst Begeisterung und Erstaunen auslöste, zeigt die chinesische Wirtschaft in den vergangenen Jahren zunehmend schlechtere Kennzahlen. Während das BIP 2010 um 10,4 Prozent wuchs, waren es 2017 bereits nur noch 6,8 Prozent, im vergangenen Jahr – 6,6 Prozent. Die Situation wird durch den Handelskrieg mit den USA verschärft, der die Exportbranche Chinas bedroht.

    „Wichtig sind nicht nur die Zahlen, sondern auch die Dynamik des Rückgangs des Wachstumstempos. Unter Investoren wächst die Sorge, dass wir auf eine starke Verlangsamung mit unvorhersehbaren Folgen stoßen können. So lange das verhindert wird, kann von einer langsamen Verlangsamung der chinesischen Wirtschaft die Rede sein“, sagte Konstantin Karpow von der Firma BKS Broker.

    China nahm Verbindungen nicht nur mit Asien, sondern auch mit allen größeren Wirtschaftsmächten auf, darunter Europa und Russland.

    „Für Entwicklungsländer und Rohstoffwirtschaften bedeutet die Verlangsamung des chinesischen Wachstums die Gefahr eines Rückgangs der Rohstoffpreise und vielleicht auch einen Rückgang der aktuellen Kaufmengen“, so Karpow. China gehört zu den wichtigsten Importeuren von Energieressourcen, darunter aus Russland.

    „Bislang baute China trotz des Rückganges des Wirtschaftswachstums den Import von Erdöl vor dem Hintergrund des wachsenden Automobilmarktes, der Entwicklung der privaten Raffinerien und der Politik, die das Wachstum des Kraftstoffexports fördert, aus. Im vergangenen Jahr stieg der Ölimport aus Russland um 19,7 Prozent. Jetzt sehen wir rückläufige Verkaufszahlen bei neuen Autos, eine Verringerung der Wirtschaftsaktivität. Das würde mit einer zeitlichen Verschiebung die Nachfrage nach russischem Erdöl, den wichtigsten Metallen und anderen Rohstoffen beeinflussen“, so der Experte.

    Die Industrieländer hängen ebenfalls von China ab, weil sie in den vergangenen zehn Jahren aktiv ihre Produkte an die wachsende chinesische Mittelschicht verkauft haben. Die Verlangsamung des Wachstumstempos der chinesischen Wirtschaft bedeutet auch einen Rückgang der Geschäftseinnahmen, so Karpow.

    Wegen des bedeutenden chinesischen Einflusses auf die deutsche Industrieproduktion prognostiziert die deutsche Bundesbank ein BIP-Wachstum von nur 0,6 Prozent bis zum Jahresende. „Angesichts des Wachstums der deutschen Wirtschaft um 0,4 Prozent im ersten Quartal 2019 wird de facto überhaupt kein Wachstum in den gebliebenen neun Monaten erwartet. Der IWF prognostiziert ein Wachstum der Weltwirtschaft um 3,3 Prozent, also das niedrigste Niveau seit der Krise 2008“, so der Finanzexperte Gennadi Nikolajew.

    Zudem werden dadurch auch überbewertete Aktien von Unternehmen betroffen. Investoren hofften damit auf künftige hohe Gewinne unter anderem dank dem zu erwarteten chinesischen Wachstum. „Das Risiko der Verlangsamung der chinesischen Wirtschaft wirkt sich sofort negativ auf die Bewertung der Aktien aus. Ein Ausverkauf auf den Aktienmärkten kann neue Probleme wegen Verlusten der einzelnen Einzelhandels-Investoren, als auch von Fonds nach sich ziehen“, so Karpow.

    Peking bemüht sich, den ständig drohenden USA Widerstand zu leisten und den eigenen Export und die Wirtschaft zu unterstützen. Hilft das? Im Unterschied zu Fed bzw. der Europäischen Zentralbank senkt Peking den Zinssatz nicht, sondern setzt auf eine freie Geldpolitik, wobei bei Bedarf der Yuan abgewertet wird. Zudem fördert China Investitionen. So wurden für den Bau von Infrastrukturprojekten 400 Mrd. Dollar bereitgestellt, die Mehrwertsteuer und andere Gebühren um fast 300 Mrd. Dollar reduziert. Manchmal pumpte die chinesische Zentralbank Gelder in das Bankensystem via Rück-Repo-Geschäfte und senkte mehrmals die Mindestgrenze für die Reserven der Banken bezüglich der Arbeit mit den privaten Klein- und mittleren Unternehmen, um die Vergabe von Krediten für Firmen und die Staatsbürger zu fördern.

    Die Regierung entwickelte ebenfalls Maßnahmen, um den Konsum anzukurbeln, darunter High-Tech-Produkte. „Es ist gut möglich, dass wir jetzt eine Beschleunigung der Investitionen, des Einzelhandels und der industriellen Produktion gerade aus diesem Grund sehen werden“, so Karpow.

    Nikolajew meint jedoch, dass die Anstrengungen der chinesischen Behörden nicht wirkungsvoll genug gewesen seien, und wenn sich die Situation bis zum Jahresende nicht ändere, würden uns globale Erschütterungen erwarten.

    Der Experte des „Internationalen Finanz-Zentrums“ Wladimir Roschankowski meint allerdings nicht, dass die Wirtschaftszahlen Chinas schlecht sind. „Das ist ein klassisches Beispiel eines Dilemmas eines halbleeren und halbvollen Glases. In diesem Fall neige ich dazu, ein halbvolles Glas zu sehen. Nur ein Argument: Wenn das BIP Chinas weiter mit dem jetzigen Tempo wächst, also um 6,2 Prozent pro Jahr,  wird China zum Jahr 2024 bei dieser Kennzahl zur größten Wirtschaft der Welt aufsteigen“, so der Experte.

    Zudem verlangsamt sich das chinesische BIP-Wachstum sehr langsam, was der Wirtschaftstheorie der Makrozyklen vollständig entspricht, die auf die Unvermeidlichkeit der Reife der Wirtschaft hinweist. Roschankowski zufolge haben die Handelskriege damit nichts zu tun. Es gehe dabei vor allem um innere Prozesse der chinesischen Wirtschaft. Gerade deswegen seien die Verkaufszahlen im Einzelhandel fast um zehn Prozent gestiegen, was um 8,5 Prozent höher als die meisten Prognosen sei.

    „Hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass die chinesische Wirtschaft elastisch genug ist, um zumindest in beschränkter Größe die wegen der US-Einfuhrtarife nicht umgesetzte Außennachfrage in eine Binnennachfrage umzuwandeln“, so Roschankowski.

    Ein Strukturproblem wird dabei hervorgehoben. Das starke Wachstum Chinas erforderte sehr viele Finanzmittel, weshalb die Unternehmen riesige Schuldenberge anhäuften. Sie sind es, die eine neue globale Krise auslösen können.

    Das größte Problem ist im privaten Sektor zu erkennen, darunter bei Bauunternehmen und kleinen Banken. Nach Angaben der chinesischen Volksbank machte die Menge der neuen Bankkredite in China in der Nationalwährung zu Beginn dieses Jahres 3,23 Bio. Yuan (rund 477 Mrd. Dollar) aus. Die Gesamtmenge der Kredite für den privaten Sektor liegt in China bei 685,18 Mrd. Dollar.

    2016 begann China mit dem Abbau der Schuldenlast, doch mit Beginn der Handelskriege 2018 verlangsamte sich der Rückgang der Schulden wieder; jetzt ist sogar wieder ein Anstieg der Schuldenlast zu erkennen. Deswegen kann nicht ausgeschlossen werden, dass in China in den kommenden Jahren eine Schuldenkrise ausbrechen kann, so Karpow.

    „China verfügt zwar weiterhin über die weltweit größten Gold- und Währungsreserven in Höhe von mehr als drei Bio. Dollar, doch es sollte vorsichtiger mit Krediten umgehen; allerdings ist die aktuelle Situation im Land nicht kritisch“, sagte Roschankowski.

    „Eine Explosion für die Weltwirtschaft können in der Tat Probleme an jedem Ort schaffen – von Insolvenz der türkischen Banken bis zum Absturz der Gewinne der US-Konzerne. Es gibt viele Optionen, darunter auch Handelskriege. Allerdings verhindern die Handelskriege eine Überhitzung, weil sie das globale Wachstum bremsen“, so der Chefstratege von Univer Capital, Dmitri Alexandrow.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren
    Tags:
    Wirtschaftskrise, China